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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 202

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
202 (sequence 10)
Language
German
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202 Arnold Zweig: wir über Vergangenheiten und fremde Zonen ja nur sehr mangelhaft unterrichtet sind; wir wollen vielmehr lieber den modernen Antisemitismus durch alle Schichtungen der Seele verfolgen, in denen er entsteht oder verbleibt, und nehmen an, daß erst dadurch auch das Vergangene uns ganz einsichtig werden kann. Vorläufig kennen wir ja innerhalb dieser Untersuchung nur einen einheitlichen Differenzaffekt als Antwort auf das Auftreten und Wahrgenommenwerden des jüdischen Volkes. Im Ablauf der Zeiten und Völker leuchten zwar immer andere Seiten dieser Geschiedenheit auf, und zwar immer diejenigen, die den von jenen Umwelten gerade besonders zentral gelebten Werten entgegengesetzt sind. Auch treten Mischungen und Intensitätsunterschiede auf; das Grundphänomen aber bleibt sich gleich, und erst in jenen Modi werden wir es in sich abgewandelt finden. Darum blicken wir nur noch kurz auf seine historisch-nationalen Facetten. Den Römer, der den Juden noch als höchst kriegerisches Volk kennen gelernt hatte — von allen Provinzen war Judäa die Schwersteroberte — erbitterte an diesem Orientalen zweierlei, soweit wir unterrichtet sind: erstens sein Fanatismus im Willen zur Freiheit und Selbständigkeit, und zweitens seine hartnäckige Ablehnung, irgendwo anders heimatlich zu werden und sich mit anderen zu vermischen; dieses, weil die römische Seele völlig unfanatisch war und darin außerdem Auflehnung gegen die Übergabe des Orbis an die Urbs wahrnahm, und jenes, weil der Römer, wie er die Götter aller Völker in seinen Olymp aufnahm, auch überall heimisch und sich mischend auftrat — und mit Recht, weil er überall zum Lande sich schöpferisch verhielt und seine Kultur (Sprache, Gesittung) überall durchsetzte. Der Gegensatz zum christlich erfüllten Menschen des Mittelalters war gegeben durch die zäh festgehaltene Religion des Juden und seine Stellung innerhalb der Passion Christi, wie sie sich die Völker unermüdlich ausmalten und ins Gehässige umdeuteten, so daß sie eine ewige Feindschaft der Juden zu Jesus herauslesen mußten; die Vorstellung, daß sich dort und damals eine innerjüdische Angelegenheit abgespielt hatte, konnte nicht aufkommen, weil die religiöse Sphäre diese Scheidung nicht anerkannte und nationale Grenzen besonders in der historischen Vergangenheit nicht bewußt wurden (Kontinuität der Ideen, z. B. der Imperiumsidee beweist das). Als das religiöse Bewußtsein schwand, sah man am Juden, in den Jahrhunderten der unkapitalistischen und frühkapitalistischen Wirtschaft, den Träger der abstrakt-kapitalistischen Wirtschaftsgesinnung (wie Sombart*) überzeugend dargetan hat), der den Geist einer vom Wohle der verbrauchenden Gemeinschaft bestimmten Gütererzeugung und -bewegung zersetzte und die Geldwirtschaft in ihrem Werden sehr beschleunigte. Heute, wo Hochkapitalismus und Massenproduktion längst in den Händen der Umvölker sich befinden und das Rückgrat ihrer Staaten *) Die Juden und das Wirtschaftsleben (Duncker und Humblot). Daß mir Sombarts Ableitung des kapitalistischen Geistes aus Religion und Ursprungsland der Juden falsch scheint, sei hier nur angemerkt.

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