Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 201 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Der heutige deutsche Antisemitismus 201 jeder Gemeinschaft, sondern einer „geistigen" Gemeinschaft, einer Kirche^ die Umkehr, die sie verlangen, wird zur „Buße", die „Heiligung des Lebens" wird zum Glauben an Glaubensinhalte, das Nicht-nachfolgen-können des Menschen wird, indem man ihm Rechnung trägt, zu einer Folge von „Sünden", die aber „verziehen" oder „gebüßt4 werden können — und kurz: ihres jüdischen Wesens, Wertes und Geistes entkleidet, werden die Genien unseres Volkstums zu Göttern oder Stützen einer Religion, die eine fremdgeistige Angelegenheit ist, und nicht mehr empfangen sie ihren Sinn von dem, was sie in jedem ihrer Worte ausdrücken. Ja, die Differenz der Seinsarten Jüdisch und Europäisch ist so groß, daß in irgendeiner europäischen Sprache das, was der Jude an Propheten und religiösen Genien sieht, und zwar als ihre innigste Meinung erfährt, schließlich unmitteilbar wird. Mir wenigstens scheint es unmöglich, die Intentionen des Lebens Jesu so zu beschreiben, daß eine Verwechslung mit dem unmöglich wird, was die katholische Kirche unter Religion, Heiligung, Geist Gottes, Gott lehrt — und doch sind hier zwei Sphären so verschieden, wie das Leben Jesu und das der Heiligen Franziskus, Thomas oder Benedikt — von dem Leben der Päpste ganz zu schweigen. Auf das Leben, nur auf das Leben darf man sehen, verlangt der Jude, und aus der Lehre nur die Impulse für das Leben holen. Und genau das sucht der europäische Geist zu tun: und das Ergebnis ist das Mysterium der Fleischwerdung, die Erbsünde, die Passion und die katholische Kirche über den drangvoll dahinlebenden Nationen, die sich, gegen ihre heftigsten Impulse, mit Lehren abfinden müssen und noch am besten zu fahren glauben, wenn sie den Mahnungen der Priester und Päpste folgen — denen sie doch nicht folgen möchten. Das Jüdische an diesen Lebenslehren wird, mit Notwendigkeit, übersehen, obwohl dem Juden selber evident ist, wie sie alle in der Anlage und Dumpfheit seines ganzen Volkes, des niederen besonders, pochen und drängen, im Kampf mit der gemeinen menschlichen Trägheit und Ichsucht und dem die Formen, Gefäße nationalen Seins, bewahren wollenden religiösen Konservativismus und Traditionalismus, der in jedem Volke und überall gegen den Erwecker der Tiefen aufsteht, weil er die Gefahren der Erneuung fürchtet, das Heil der Gefahr hingebend für die Sicherheit des Bestandes; und diese Vorbilder werden dem heutigen jüdischen Volke nicht als Schöpfungen angerechnet; man glaubt an einen Bruch der Kontinuität, der keinesfalls da ist — warum aber man gern daran glaubt, davon wird noch zu reden sein, wenn von den Modi des Antisemitismus gesprochen werden muß. Darunter verstehn wir aber nicht die Verschiedenheiten der seelischen Gebiete, in deren Bezirken er sich darstellt und die nach historischen Zeiten oder nach der Verschiedenheit der Umvölker sich wandeln. Nichts liegt uns ferner, als hier auf Unterschiede Wert zu legen, da es uns nur auf die möglichst genaue Erforschung seiner augenblicklichen Erscheinungsart in Europa ankommen kann. Wir wissen vom Wesen des Differenzaffekts noch nichts, wenn wir ihn durch die Arten seines Auftretens hin verfolgen, schon weil