Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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200 Arnold Zweig: wird, dessen Sprache er spricht, auf dessen Boden er schafft und dessen Lebensrhythmus seinen anderen völlig aufhebt. Und unsere Dichter, unsere Musiker, Maler sind nur uns selbst als „unser" fühlbar: nach außen sind sie jüdische Individuen im Zusammenhang deutscher Künste — deutsche Künstler, selbst wenn sie von der Judenheit beansprucht oder von der Deutschheit zurückgewiesen werden. Jüdische Künstler sind Bialik, Perez — Mahler, Liebermann, Werfel und sogar Landauer und Buber sind irgendwie im deutschen Geist lokalisierte Juden. 8. Aber das allerdrastischeste Phänomen, das den Verfechtern der jüdischen Mission am stärksten zu denken geben und die Apostel der Assimilation am ehesten schwankend machen sollte: die eigentlichste Form unserer Genialität, unsere spezifischeste Gabe, ist den Völkern bis zur Unsichtbarkeit verborgen worden, und zwar nicht ohne bösen Willen dieser Völker, ermöglicht aber von unserer jetzigen Daseinsform: die spezifische Kraft unseres auf Vergöttlichung des Lebens gerichteten Volksgeistes. Einen Künstler wie Aischylos kann man zur Not noch aus seinen Werken erkennen, obwohl diese Werke genial erst durch ihre das lebendige Dasein und geistige Leben ihres Volkes formende Gewalt und Intention werden. Ein Genie der Lebensheiligung wie Moses, Jesaias oder Arnos — von Jesus zu schweigen — ist überhaupt erst erblickbar an dem Volke, das ihm nachlebt, an der Kraft, mit der sein Geist Tag um Tag gegen die Schwächen und Ichsüchte einer Menge an der Lebensgestaltung „im Geiste Gottes" wirkt — wirkt wie der Erdgeist im Faust. Wir, die Juden, von innen her, sehen diesen Geist am Werke jederzeit, als Zedaka in der Gemeinde wie als Sozialismus im Volke; wir sehen, wie vermummt in den Zeitgeist und im fremden Kleide Hegels und des Maschinenalters dieser selbe Geist die Impulse für Marx schafft, und wir sehen ihn in Lassalle und Landauer am Werke wie in Eisner, der Luxemburg, Buber, Trotzky. Wir auch sehen, daß Jesus kam, um Gott atrf jüdische Art zu leben und zu sterben wie, auf seinem Niveau, Levine, „russische" Sozialisten, Landauer. Was aber kann der Geist Europas allein sehen? Exemplarische Individuen, Propheten, Heilige wie Petrus oder Paulus, einen Menschensohn als Gott — weil kein lebendiges Zeugnis ihrer wahren menschenformenden gemeinschaftsheiligenden Intention da ist, um ihrer übernational geltenden, auf den Menschen im höchsten Sinne gehenden Genialität das nationale Relief zu geben. So werden sie von ihrem bestimmenden Hintergrund mit Leichtigkeit losgelöst, gehen in die national-europäische Geisteshaltung ein (wie Aischylos auf ästhetische Art oder Piaton oder Homer, nur noch entnationalisierbarer, weil unmittelbarer zur Seele des Menschen gewendet), bekommen von ihr die Umprägung gemäß dem objektivierenden und spiritualisierenden, vom Imperativ auf jeden Tag und diesen Augenblick loslösenden Geiste Europas, ihr Reich wird „nicht von dieser Welt", nämlich von einer himmlisch-transzendenten, ihre Sphäre ist nicht mehr das irdische Leben