Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 199

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
199 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101168-3105425--4021-3105461
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der heutige deutsche Antisemitismus 199 Regeln und Erkenntnisse — nicht als gelebte Tat — Gemeingut der kultivierten Erde sind (auch der Japaner, Chinesen, Hindu, Moslim): was soll an ihnen werterfüllt aufleuchten? Genau das Gegenteil wird sich einstellen müssen und hat sich eingestellt: die fremde Nähe, unfixierbar, wird zu allererst, um untersuchbar zu werden, zurückgeschoben — und dagegen wehren sich die Juden nach Kräften, indem sie laut versichern: wir sind Deutsche, Briten, Italiener, wir leben als Deutsche usf. — was sie heute unter anderem auch sein mögen: aber das andere, und um so eher, zu zeigen, sind sie gerade darum den Völkern schuldig. Und indem die Juden ohne eigene sichtbare Volksperson leben, bleiben auch mit Notwendigkeit alle anderen Erscheinungsformen ihres wahren Wesens und Wertes als besondere Menschart unsichtbar, unwirksam. Ihre hebräische Sprache, unter Ausschluß der Öffentlichkeit gerettet, nicht als lebende Sprache eines Gemeinwesens gültig (und dies ist die erste Gültigkeitsform einer Sprache als „lebend"), schafft weiter Dichtung und Aufruf, aber niemand kann sie bemerken, wie selbst die serbische oder dänische Sprache, denen viel weniger Menschen zurechenbar sind; und wer sie historisch gerichtet studiert, tut es nur als Philolog, selbst wenn er Theologe ist, denn die entscheidende Wirkung unserer Antike geht heute von ihrer Übersetzung aus, welche die Bibel zu einem entjudeten Buche (für den unmittelbaren Blick, und er allein entscheidet) gemacht hat: nur wer sie guten Willens betrachtet, kann uns in ihr finden und sich als unser Abkömmling im Besten, was er ist — wer aber hat heute Anrecht auf guten Willen? Unsere führenden Geister in den Wissenschaften und der Philosophie, der Technik und Industrie — da sie nicht in eigener Sprache, eigener Umwelt, eigener Tradition lehren und schaffen, gehören sie uns nur noch gleichsam an; den Völkern werden sie lediglich?als Individuen sichtbar, nicht als Söhne eines Volkes, sondern als Söhne dieser oder ihrer Zeit, selbst wo sie Schöpfer ihrer Zeit sind (wie Disraeli, Marx, Einstein, Bergson, Husserl): nicht einmal ihre Namen verraten das Relief, aus dem sie als einzelne Figuren heraustreten, und nur sehr bedingt vermögen sie durch den dauernden Hinweis auf ihre jüdische Abstammung (wie Cohen) oder auf ihr Verhältnis zur jüdischen Nation (wie Disraeli und Einstein) eine Ahnung von der geistigen Machtfülle und dem Reichtum eines Volksgeistes, der sie zu zeugen vermochte, um sich zu verbreiten. Der letzte als jüdisch geltende Genius unseres Volkes war Spinoza — und warum? Weil sich an ihm, wenn auch nur in der Form der Ausstoßung, noch die lebendige jüdische Gemeinschaft manifestiert hatte, die durch dieses Verbannen ihres großen Sohnes der Welt dokumentierte, daß es noch ein Volk gab, von dem man verbannt werden konnte. Ja, selbst um Heine ist noch etwas von der Gegebenheit seines Volkes als eines allbemerkbaren lebendigen, schaffenden Wesens: weil er unaufhörlich fl^t dem augenblicklichen Geiste dieses Wesens sich auseinanderzusetzen gezwungen ist. Um alle anderen unserer bedeutenden Männer liegt die Anonymität des Einzelnen, der mit Selbstverständlichkeit dem Volke zugerechnet

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.