Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Arnold Zweig: ganz zwanglos natürliche Haltung seiner Art, seines Lebens, " seiner von keinen Grenzspannungen beeinträchtigten Selbstverständlichkeit des Daseins möglich ist; sichtbar sind sie nur, wenn das Volk als losgelöste Person, von außen gewissermaßen, anschaubar ist. Dann erst tritt seine Geschichte als perspektivischer Hintergrund mit in die wertverleihende Sichtbarkeit ein, dann erst kommen seine großen Geister und Genien den andern Völkern als diesem Volke entwachsen und es aussagend voll zur Schau. Darum hatte es einen tiefen Sinn, wenn die Deutschen um 1830—1870 im Auslande (Hebbel) ihre Erniedrigung fühlten: zerrissen in 36 Staaten kamen sie den fremden Nationen nie als Ganzes zur Gegebenheit; aber sie lebten wenigstens als geschlossenes Kultur- und Wirtschaftsgebilde in eigenem von ihnen erfüllten Territorium, und daher konnte sich die „Erniedrigung" niemals zu einem den Wert der Deutschen völlig auslöschenden „Antigermanismus" steigern. Ihre Geschichte, mit der der anderen Völker innig verflochten, ward von diesen stets als eine Realität beim Erfassen der eigenen Geschichte gespürt; ihre Sprache, dem europäischen Kulturkreis angehörig, fand stets bei den anderen Willige, die sie unschwer lernten, um sich die europäisch übertragbaren Werte zu eigen zu machen, die ständig in ihr, der lebend schöpferischen, sich erzeugten; und von einem eindeutigen Zentrum, diesem Deutschland, gingen jene überdeutschen Werte aus, die, wie Musik und Philosophie, den Deutschen trotz ihrer politischen Zerrissenheit Weltehrung eintrugen, und die immer wieder gleichsam auf dies Zentrum zurückwiesen. (Man vergleiche selbst nach diesen Gesichtspunkten die Haltung der Völker zu den Italienern und dem italienischen Volke im 17. und 18. Jahrhundert, wo ganz Europa und Rußland von italienischen Musikern, Malern, Architekten überschwemmt ward, Italien selbst aber nur als historisches Dokument gleichsam lebte: die geistige Haltung der Völker zu ihnen ist eine charakteristisch andere als die zu den Deutschen um 1840.) Und nun sehe man von hier aus auf die Juden: indem sie innerhalb der Völker wohnen und nur in ihnen, sind sie ihnen als Volk unanschaulich; es fehlt die räum- und blickschaffende Distanz; kein Umriss, sondern nur ein dunkles Fremdes ist unbehaglich nahrückend merkbar: der Impuls, dies zurückzuschieben und es schauen zu können, ist eine notwendige Reaktion. Denn es verrät die ganze rationalistische Blindheit unserer Liberalgeister (liberal noch, wenn sie religiös-orthodox sind) über Erscheinungsformen eines Volkes, wenn sie meinen, indem die Juden sich unter den Völkern zerstreuen seien sie imstande Missionäre des jüdischen Geistes zu sein, indem sie den Völkern ihre individuellen Nähen brächten und ihnen gleichsam „Judentum vorlebten", machten sie ihnen jüdische Werte anschaulich und verbreiteten die Erkenntnis Gottes; — genau das Gegenteil ist der Fall: sie verschwinden unter den Völkern als werttragende Person, sie lösen sich in Einzelne auf, deren Gemeinschaftsleben das der umgebenden Volksgemeinschaft gleichgesetzt wird — und was haben die Juden dann noch zu „missionieren"? Da sie keine Lebensregeln oder Gotteserkenntnisse bringen, die nicht schon als