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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 197

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
197 (sequence 5)
Language
German
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Der heutige deutsche Antisemitismus 197 Volk vom Staatsvolk, in dem sie wurzeln: und wie viele sind vor ihrem Bewußtsein ehrlich, wenn sie das versichern. Auf ihr Bewußtsein aber und auf die Namen, die sie der Verbundenheit geben, kommt gar nichts an. Ein Volk stirbt erst, wenn die allermeisten seiner Nachkommen gestorben oder ganz verschwunden sind — nicht eher. Gestorben sind Etrusker und Goten; Juden aber sind da, vierzehn Millionen, vermindert um die Opfer des Krieges und seiner Folgen — Juden, die in historischen Zeiten ein Volk mit Sprache, Land, Ethos, Schöpfung und Gottesbild waren und deren Nachfahren ohne Lücke heute überall leben, mit besonderem äußeren Durchschnittshabitus, mit Geschichte ohne Lücke, mit Tradition, mit Willen zu eigenem Leben; und mit Massen, deren Wille zu eigenem Volkssein niemals die Form der Selbstverständlichkeit verloren, deren Wille zum eigenen Lande die Form der Sehnsucht religiös oder national anzunehmen gezwungen war: was aber so lebt, ist ein Volk, so ungern einige Nachkommen es wahrhaben möchten, und über ihren Protest weggehend nennen die Völker, die sich auf die Feinheiten von Vereinen und Einzelnen nicht einlassen können, die Katze eine Katze: sobald sie einer gewissen Gemeinschaft von Juden inne werden. Einzelne nämlich und selbst noch verstreut wohnende Familien können auf ihr Volkstum hin nicht wahrgenommen werden, sie können als Fremde empfunden, aber schnell auch gewohnt und unempfindbar werden. Erst zwischen Einzelnen, Gleichartigen treten die Wirklichkeiten ein, die zur Wahrnehmung besonderer Herkunft, Veranlagung, Lebensformen, Bejahungen und Verneinungen führen. Daher ist der Differenzaffekt ans Auftreten mehrerer Juden gebunden, und je mehr, um so sichtbarer leben sie ihr besonderes Wesen dar, um so stärker kann er sich manifestieren. Wo er aber erst einmal eingetreten ist, dort haftet er zäh, und noch nach Abwanderung oder sonstigem Verschwinden durch Vermischung oder Ausrottung der Volksgruppe werden jetzt auch Individuen seine Gegenstände, solange sie die Merkmale jener verschwundenen Gemeinschaft noch so leise aufweisen; er klingt schwer wieder ab und läßt sich leicht wieder erregen, auch auf neu erscheinende Einzelne zielend, die jener Zugehörigkeit verdächtig scheinen. Der ans Auftreten des jüdischen Volkes gebundene Differenzaffekt also heißt Antisemitismus. Daß er so typisch anders sich darstellt und erlebt wird als die Berührungen anderer Völker miteinander, muß seinen Grund entweder in einer einzigartigen Erscheinungsform des jüdischen Volkes — das Volk, das überall in der Fremde, nur in der Fremde lebt — oder in seinem besonderen Wesen, oder in besonders zentraler Verschiedenheit dieses Volkes von allen anderen (antisemitisch erregbaren) haben. Das Sein und die Werte eines Volkes sind, wie gezeigt, sichtbar nicht in den individuellen Werten der durchschnittlichen Einzelpersonen, die sie ausmachen — hier sind sie allenfalls, bei gutem Willen, d. h. bei der schon auf positives Ergebnis eingestellten Prüfung, auffindbar. Sichtbar sind sie nur an dem in eigener Gemeinschaft lebenden Volke selbst, in welcher die

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