Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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196 Arnold Zweig: des Landes; und wo ein Volksteil in der Fremde sich verwurzelt (hört die Sprache philosophieren!), verändert sich sein Wesen, weil es dem gestaltenden Dämon des fremden Landes sich hinzugeben begonnen hat. Wenn aber ein Volk sich der Fremde und ihrem Dämon verweigert, wenn es seine Art und Urart hartnäckig und leidenschaftlich festhält, dann bleibt es nicht nur fremd, sondern will fremd bleiben: und dies gibt dem Differenzaffekt eine harte Schärfe: denn das eingeborene Volk fühlt sich in seinen waltenden und umformenden Kräften verneint und mißhandelt, da es seiner Art ein Vorrecht einzuräumen, ein Besser- und Wünschbarsein zuzuschreiben nicht umhin kann — wenigstens in diesem, seinem Lande. Es weiß die Einheit zwischen sich und seinem Lande, und diese Einheit des Seins fühlt es verletzt, um so tiefer, wenn das Fremde nicht vorübergehend auftritt — sondern bleibt; um so unbegreiflicher, wenn dieses Fremde nicht mit den Attributen der Macht, Lebensfülle, Stärke, Schönheit bekleidet auftritt (dann nämlich kann der Differenzaffekt sein Vorzeichen ändern und als Lockung, Anziehung, Verführung auftreten, besonders für den Einheimischen, dem das Eigene zum Alltag geworden ist und dem Leben und Lebensrieuheit neue Reize und Gefahren, Erprobungen und Erweiterungen verspricht, dem aber außerdem die Heimat als sicherer Hafen im Rücken bleibt), sondern in all diesen Werten hinter dem Beheimateten zurückzustehen scheint. Dann wirkt das Beharren herausfordernd, das Fremde abstoßend, der Trieb zum Niveau wird Imperativ, der Befehl der Unauffälligkeit wirft sich gegen das Auffallende. Dann beginnt die Volksphantasie zu dichten, dämonische Kräfte um den zähen Fremdling ahnend und gestaltend, in seine Erscheinung hineinbildend und sie verzerrend, das Menschlich-Gemeinsame auslassend, alles Mißdeutbare ins Abstoßende umsehend und, was irgend nicht geheuer an dem anderen ist, ins Ungeheuerliche wendend. Dann gibt es nichts Harmloses mehr, nichts Lächerliches: alles wird angerechnet und feindselig. Wenn nun aber der Fremde, Andersartige, durch sein Verhalten oder ausdrücklich positive wertgehaltene Einrichtungen, Güter oder gar Ideale des Umvolkes verneint: dann schärft sich der Differenzaffekt zur ätzenden Feindseligkeit. Dies ist der Fall des Juden — und dies ist sein Fall mit unabwendbarer Notwendigkeit: weil sein Wesen unveränderlich ist und sein muß — sein soll. 7. Vorher aber müssen wir fragen, ob denn ein Volk im geschilderten Sinne die Juden noch seien — was von vielen deutschen und westlichen Juden laut geleugnet wird, indem sie sich an das exakt-wissenschaftlich Unfaßbare fester äußerer Merkmale klammern. Allerdings nur von ihnen; allerdings nur dem Worte „Volk" gegenüber. Sie nennen sich lieber Rasse, Schicksalsgemeinschaft, Religionsgemeinschaft, ja lieber noch leugnen sie jede allgemeinere Besonderheit, die in irgendeinem Worte faßbar wäre, und behaupten, all das läge hinter ihnen, nur Menschen seien sie oder Deutsche, Franzosen —