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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 195

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
195 (sequence 3)
Language
German
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Der heutige deutsche Antisemitismus 195 ist fast eine Umschreibung für „anderes Volk". Denn unterhalb moderner Gleichartigkeit lebt noch heute jedes einzelne Volk seinen eigenen Rhythmus, sein eigenes Tempo, unter eigenen Akzenten des Wertfühlens, Vorziehens, Weltanschauens, Liebens und Hassens; und die Grenzen, wo verschiedene dieser Lebewesen einander berühren, werden von den Differenzaffekten bezeichnet, wie wir sie genannt haben. Selbst dasjenige Volk, welches -ein anderes in seinem Lebenshabitus nachahmt, lebt anders als das originale Volk, nämlich nachahmend, auf fremde Art, die niemals dieselbe glückliche und freie, unwillkürliche und gewachsene Lebendigkeit erlaubt wie das Darleben originaler Formen und Modi. 6. Daß jedes Volk aber anders als alle anderen lebt, schon indem es auf nur ihm eigene Weise spricht und glaubt, Sitten entwickelt, Hoffnungen und Ideale vor sich hinstellt, ja selbst eigene Moralen ausbildet, und seien sie nur durch Nuancen verschieden, indem es unter eigen akzentuierten Gesetzen des Vorziehens und Nachsetzens lebt, können wir heute nur feststellen, ohne es auf einsichtige Ursachen zurückzuführen imstande zu sein. Da wir erst am Anfange systematischer Erkenntnis in allen Wissenschaften stehen, werden spätere Jahrhunderte wohl weiser sein als wir oder klüger zum mindesten; wenn die Sprachforschung z, B. die Gründe des Lautwandels, der Dialekt - bildungen und ähnlicher Erscheinungen innerhalb einer Sprache wird mit Sicherheit nachweisen können, werden wir das Gebiet der Mutmaßungen und Hilfshypothesen auch auf unserem Felde verlassen haben; daß aber umbildende Kräfte des Landes dabei wirksam sind, ist vielleicht schon heute mehr als eine solche. Denn das Land, dies natürlich und gefühlsmäßig isolierte Stück der Erdoberfläche, hat auf das landnehmende, siedelnde Volk gestaltende Kraft. Überall dort, wo das Volk, die geschlossen blutmäßig verbundene Gruppe, das Mysterium der Landnahme vollzieht, ist es daheim, überall anderswo in der Fremde. Die Erde, den Boden empfängt jedes Volk von den Göttern oder von Gott; die seelenformenden, körperaufbauenden Gewalten, die das Land überschweben, werden von jedem Volke ehrfürchtig wahrgenommen, und für jede wahrhaft lebende und erkennende Zeit bleiben die Götter auch Herren des Landes, und sein Nutznießer, Verwalter, Pfleger, nicht mehr, ist der Mensch. Verantwortlich für die Gestalt des Landes bleibt er dem Gott, der's ihm verlieh, damit er die Kräfte und Tugenden entfalte, die darin angelegt sind, seine ihm eigentümliche Form und Schönheit darstelle — Schönheit im platonischen großartigen, nicht im geschmäcklerisch genießenden Sinne gefaßt Darum ist der Verheerer und Zerstörer eines Landes in ihm nicht beheimatet — darum hat der Türke auf dem Balkan ebensowenig Heimat wie in Palästina — und Heimat überhaupt muß man sagen, um die Kräfte und Mächte des Landes mitschwingen zu hören. Fremde, dies Gegenwort von Heimat, bezeichnet darum (für den Fremden) den trostlosen Zustand an sich, die Abgeschnittenheit von den gestaltenden Mächten 13*

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