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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 194

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
194 (sequence 2)
Language
German
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194 Arnold Zweig: von Töchtern mit unehelichen Kindern, rothaarige Menschen oder solche mit Feuermalen haben von Anfang an eine Stimmung gegen sich, die sich auf ihre sie absondernden Gebrechen aufbaut. Dabei kommt viel darauf an, daß diese Gebrechen von dem normalen Menschen ohne weiteres nicht nachahmbar sind: nachahmbare Gebrechen wie Stottern oder Hinken treten aus dem Gewöhnlichen nicht so sehr, heraus, daß sie Unlust erwecken, sie werden deshalb nur als Spott herausfordernd mit Gelächter beantwortet, welches die mildeste Form der sozialen Kritik in der vitalen Sphäre ist*). Bucklige nehmen eine Sonderstellung ein, weil das Volk weiß, daß ihr Gebrechen, an sich nachahmbar und also eher lächerlich, ihnen wie anderen Zwerghaften eine Verzerrung des Charakters ins Hämische und Gefährliche nahelegt; die Reaktion auf Schwerhörigkeit, Taubheit, Einäugigkeit überdenke man selbst, wobei man sich erinnere, wie teicht bei der modernen Arbeit ein Sinn beschädigt wird (was das Volk sehr genau beachtet); Blindheit aber macht* weil die Welt dem Menschen vorzüglich durchs Auge gegeben ist, den Betroffenen unglücklich, ehrfurchtgebietend. Alles nun, was vom Normalen und Unauffälligen abweichend Anlaß zum Gerede, zur Konzentration der Aufmerksamkeit auf den Träger des Besonderen gibt, ohne zugleich einen positiven Wert zu vermitteln, ist anstößig. Beim Militär sind die Worte „auffallen" und „unangenehm auffallen" identisch; auch wer durch Diensteifer auffällt, erregt Anstoß selbst bei den Vorgesetzten: weil hier der Herdencharakter des Menschen ein ausdrücklich Gefordertes wird, weil ein Teil der militärischen Erziehung Aberziehung jeder Besonderheit und Herausarbeitung einer möglichst anonymen Menge ist. Noch aber ist jedem Volke der Herdencharakter immanent. So gewiß den Menschen und seine Wesenheit Werte tragen, die seiner Tierheit entgegengesetzt sind, so sicher wirkt in dieses Menschentum fortwährend die Tiernatur hinein, und zwar, wenn wir vorher recht gesehen haben, daß die biologischen, die Lebenseinheiten des Menschen Familie, Sippe, Stamm, Volk sind, gerade in diesen Menschenverbänden besonders aktiv. Daher ist es nur eine Verlängerung des Sicheren ins Mögliche, eine Konstruktion zwar, aber eine, die nichts Widersprechendes enthält oder einführt, wenn wir in dieser Scheu vor dem Auffälligen einen ungeheuren Atavismus nachwirken fühlen» aus jener Tier- und Herdenzeit, wo alles Auffällige zur Flucht oder zur Verteidigung aufforderte, wo die anders aussehende Tierart das Gefährliche sein konnte, wo für die Weidetiere der Typ des Auffälligen, Andersaussehenden» Andersriechenden und -lebenden das Raubtier, der Feind war, den zu erkennen, zu fliehen oder gegen den sich zu wehren der Hauptinhalt der vormenschlichen Erziehung ist. Alles Anderslebende zu befeinden, mindestens mit Argwohn zu betrachten — dieser ungeheuer starke Impuls hat sich bis heute in Verwandlungen aber ingrimmig stark erhalten: „anderslebend" aber *) Über die soziale Funktion des Lachens vgl. Bergsons Studie Le Rire.

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