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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 193

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
193 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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ARNOLD ZWEIG I DER HEUTIGE DEUTSCHE ANTISEMITISM US Vier Aufsätze IL Antisemitismus als jüdische Angelegenheit (Fortsetzung) 5ie die moderne Psychologie des Künstlers, um das vorher ganz als irrational und abnorm betrachtete Auftreten künstlerischer Begabung der Skala des Normalen anzufügen, auf die Verwandtschaft einzelner allgemeinmenschlicher Phänomene mit dem Schaffensprozeß des Künstlers sich bezieht und, ohne das ganz spezifisch Künstlerische darin aufzulösen, auf Erscheinungen wie Tagtraum, Klatsch, Onanie, gute Einfälle, Spiel, Dilettantismus, Hysterie verweist,- so richten wir unsern Blick auf diejenige seelische Sphäre, wo in der Seele des durchschnittlichen normalen bürgerlichen Menschen Abneigungen gegen ganze Kategorien andersartiger Leute wurzeln. Nehmen wir an, daß auf der Straße ein Mann mit roten Haaren oder einem Buckel einen anderen schmerzhaft auf den Fuß trete, so daß sich ein Wortwechsel daran knüpfe: wird der Getretene nicht, falls er sich volkstümlich ausdrückt, „das bucklichte Aas" oder ,,den dreckigen Rotkopf" zur Vorsicht ermahnen; wird er nicht, falls der Anstoßerreger als Jude kenntlich ist, den „verfluchten Juden" ebenso apostrophieren? Wenn ein Jude hierin Antisemitismus sähe, irrte er. Dieser geärgerte Mensch sucht, um sich für den erlittenen Schmerz zu rächen, den anderen an einem Punkte zu treffen, der empfindlich, weil unleugbar, offensichtlich und unabänderlich ist; in seinen Augen ist „Judesein" ein Malheur wie Buckel oder Rothaar und er spielt es als Trumpf aus. Dies Verhalten ist völlig Alltag, jeder Mensch erfährt es an sich selbst, und hier ist einer der Punkte, wo normales Verhalten mit antisemitischem verwechselt werden kann — Beweis für Übergangszonen. Erst später werden wir sehn, was geschehen muß, damit .hier Antisemitismus zustande komme; jetzt lassen wir uns an dem methodisch wichtigen Hinweis genügen} daß solche Übergangszone besteht, daß es im Seelischen zwar begrenzte Phänomene, aber auch Zustände gibt, aus denen sie sich erst abdifferenzieren. Gegen ganze Kategorien von Menschen besteht eine Stimmung zu Abneigung und Mißtrauen, im Volke wohl gemerkt, das seinen Impulsen zu folgen gewohnt ist: Väter unehelicher Kinder, Väter Heft 4. jo

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