Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden in Sibirien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 191 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Die Juden in Sibirien 191 spektion seines Gefängnisses durch durchreisende Engländer verblüffte er sie durch seine Kenntnisse der englischen Sprache, und ihrer Vermittlung dankte er die Verbannung nach Ostsibirien. Eine unendliche, peinvolle Reise damals. 1833 oder 1834 kam er dort an und wurde in einem kleinen Landstädtchen bei Irkutsk registriert. Dort blieb er nicht lange. Er kam in die Stadt Nishni-Udinsk, wo er Lehrer wurde. Der Ruhm Jakobs „des Engländers*4 verbreitete sich schnell. Kannte er doch die Bibel und etwas Talmud und war in den jüdischen Religionsbräuchen erfahren — solch einen intelligenten Juden gab es damals in Sibirien nicht. Aber mehr noch: er war ein „Aufgeklärter**, ein Europäer, der Englisch konnte. 1859 übersiedelte Dombrowski nach Irkutsk, wo er der erste Mann unter den Juden der Stadt wurde. Es verstand es, einer der tüchtigsten Kaufleute zu werden, die die schwierige Versorgung der nördlichen Provinzen für die Regierung übernahmen, und erlangte einen großen Einfluß bei der russischen Administration, wodurch er eine Art Schutzherr seiner Stammesgenossen wurde. In Irkutsk war er unter den Juden unumschränkter Herrscher; selbst von tiefer Frömmigkeit, war er — völlig analog den Maskilim seiner Zeit im europäischen Rußland — dennoch ein Parteigänger des „Europäismus*', der Schulen gründete und die Bildungsarbeit förderte. Gegen diese Kahalgewaltigen erhob sich damals in Sibirien die Opposition der ärmeren jüdischen Schichten, besonders der ehemaligen Soldaten-Kantonisten. Das jüdische Leben war damals noch sehr eng, von einer Assimilation nichts zu spüren. Einen steten lebendigen Zusammenhang mit Westrußlands Zentren hielten die Meschulachim aufrecht, Abgesandte der Jeschiboth Lithauens und wohltätiger Institutionen Palästinas. Sie bereisten ganz Sibirien und sammelten Gelder. Es gehörte eine seltene Selbstlosigkeit dazu, damals alljährlich die schwierige Reise zu machen — es ist daher nicht zu verwundern, wenn diese Abgesandten eine große Autorität genossen und noch heute mancher Namen mit Ehrfurcht von Greisen genannt wird. Der Bildungsstand der sibirischen Juden war damals sehr niedrig, niedriger als im Ansiedlungsrayon. Kaum ein Viertel konnte ordentlich lesen und schreiben. Die ökonomische Differenzierung war gering. Selbst die „Reichsten** — etwa Dombrowski — waren nach unseren Begriffen höchstens wohlhabend, die Armen nicht ganz mittellos. Das änderte sich völlig in den siebziger Jahren. Die soziale Differenzierung begann immer stärker zu wachsen. Eine Bourgeoisie wuchs heran, deren Söhne studierten. Aus dem Westen kamen Nachrichten von Pogromen. In dem friedlichen Sibirien hatten die dortigen Juden nur eine Antwort darauf: die Losung der unbedingten Assimilation. Um die Pogrome nicht nach Sibirien zu verschleppen, galt es, völlig anders zu sein als die westrussischen Stammesgenossen: waren doch diese selbst schuld an den Pogromen, die sibirischen Juden waren eine ganz andere Rasse. Wir sehen, die jüdische Bourgeoisie nimmt in Sibirien die gleiche Stellung ein wie in den Ländern des Westens. Es wurden „Reformen** eingeführt, die russische Sprache immer mehr gepflegt. Die ärmeren Schichten dagegen blieben der Tradition und der Art des Ansiedlungsrayons treu: dadurch wuchs die Kluft nur immer mehr. Das soziale und geistige Bild der sibirischen jüdischen Bourgeoisie gleicht immer mehr der westeuropäischen. Hätte folgender Brief der achtziger Jahre aus dem Irkutsker Archiv nicht auch in einem deutschen gefunden werden können? „Als geringer Bruchteil mitten unter russischer Bevölkerung müssen wir darauf Rücksicht nehmen, daß in die Synagoge oft Russen, größtenteils der besseren Stände, kommen. Um vor diesen Besuchern nicht lächerlich zu sein, möchte ich in der Synagoge eine Ordnung einführen . . . Um die Anwesenden zur Ruhe zu ermahnen, möge man eine elektrische Klingel einführen, was sich geziemender anhört als das Klopfen mit den Büchern . . Erst als in den neunziger Jahren der offizielle Regierungsantisemitismus unter Gouverneuren wie Goremykin begann, begann man an dem Heilmittel der Assimilation zu zweifeln. Die Gymnasiasten ergriff eine dem russischen narodnitschestwo verwandte Erscheinung. Sie begannen sich der jüdischen Schulen, die völlig vernachlässigt waren, wo von alten, völlig unfähigen Melamdim die hungernden Schüler des ärmsten jüdischen Proletariats mehr geprügelt als „unterrichtet** wurden und die in hygienisch- Ökonomischer Beziehung völlig verwahrlost waren, anzunehmen. Aber das Feuer erlosch bald. Dennoch wuchs das nationale Bewußtsein unter den sibirischen Juden. Selbst der Zionismus faßte dort Wurzel, wie überall in Rußland lange freilich ein illegales Leben führend. In dieser Situation traf das sibirische Judentum der Weltkrieg und die Revolution. 4. Beide schufen eine völlig neue Lage: nach Sibirien begann der Zuzug großer westrussischer jüdischer Massen. Die Revolution gab den Juden die Möglichkeit freier Organisation und ließ in bisher nur von wenigen Juden bewohnten