Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden in Sibirien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 192 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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192 Umschau: Die Juden in Sibirien Städten wie Wladiwostok große jüdische Zentren entstehen, und die Ereignisse vom Mai 1918 endlich machten Sibirien zu einem von Rußland unabhängigen geschlossenen Ganzen und zwangen die einzelnen Judengemeinden zu sibirischen Verbänden zusammen. Insbesondere war es der unter der Diktatur Koltschaks seit dem 18. November 1918 immer mehr wachsende Antisemitismus, der die Juden immer mehr nationalisierte. Das Jahr 1917 bildete in Sibirien wie in ganz Rußland das Jahr des größten Aufschwungs des Zionismus. In Sibirien bildeten sich überall zionistische Vereine, an allen Orten begannen Zeitschriften zu erscheinen, die freilich nur wenige Wochen oder Monate bestanden. Die Zentren der zionistischen Bewegung waren in Jekaterinenburg für den Ural, in Tomsk für Westsibirien, in Irkutsk für Ostsibirien, in Charbin für den fernen Osten. Bei den Wahlen zum allrussischen jüdischen Kongreß wurden in Sibirien ausschließlich die Kandidaten der zionistischen Liste gewählt. Nach der Lostrennung Sibiriens von Rußland beriefen die Zionisten im November 1918 einen Zionistentag nach Tomsk, der einen Merkas mit dem Sitze in Irkutsk einsetzte. Dort in Irkutsk begann auch eine größere Wochenschrift „Das jüdische Leben" in russischer Sprache zu erscheinen. Die zionistische Arbeit war recht rührig, die sie leitenden Kreise waren auch die Führer in der nationalen Organisierung der Juden im Lande. Die Gemeinden wurden auf demokratischer Grundlage umgebaut, an die Stelle traditioneller Gemeindegewaltiger kamen gewählte Vertreter, und im Jahre 1919 wählte der erste sibirische jüdische Gemeindetag in Irkutsk einen jüdischen Nationalrat, dem gegenüber der Regierung Koltschaks in der Verteidigung der jüdischen Rechte eine wichtige Aufgabe erwuchs. Neben der zionistischen und der mit ihr oft verbündeten Partei der bourgeoisen „Parteilosen" nahmen insbesondere mit dem Fortschreiten der Reaktion in Sibirien auch die linken Parteien einen großen Aufschwung. Vor allem muß festgestellt werden, daß die Jugend die offiziell-zionistischen Reihen verlassen hat, um meist in freien, keiner Partei angeschlossenen Jugendgruppen eine oft recht lebhafte kulturelle Tätigkeit zu entfalten oder sich einer der drei linken Gruppen, dem Bund, den Poale-Zion oder den Zeire-Zion anzuschließen. Alle diese Gruppen standen in heftigem Gegensatz zur offiziell-zionistischen Partei und zum jüdischen Nationalrat und begannen vor allem im Osten, in Charbin, wo der „Bund" und die „Poale Zion" ihre Zeitschriften herausgaben, sowie in Wladiwostok stark zu wachsen. Eine wesentliche Stärkung erhielten sie durch jüdische Arbeiter und Emigranten, die 1918 aus Amerika zurückgekehrt waren, denen es aber nicht mehr gelang, nach Europäisch-Rußland zu kommen. An dem allgemeinen Aufschwung nahm auch das Schulwesen teil. Überall entstanden jüdische Volksschulen. Freilich meist mit russischer Unterrichtssprache, aber das Hebräische nahm überall einen breiten Raum ein. In Tomsk und Charbin schritt man an die Gründung jüdischer Gymnasien. Sehr hinderlich war der Lehrermangel: um ihm abzuhelfen, errichtete die sibirische Tarbuth Lehrerkurse in Tomsk, an denen sich auch Professoren der dortigen Universität als Vortragende beteiligten. Was das Vordringen der Sowjetregierung nach Sibirien für die Juden dieses Landes bedeutet, weiß ich nicht. Dem Antisemitismus hat sie sicher ein Ende bereitet, ob sie aber auch ein individuell-nationales Leben der Juden ermöglicht, wird uns erst die Zukunft lehren. Hans Kohn Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Strauß, Berlin. — Jüdischer Verlag, BerÜ». — Druck Von Oscar Brandstette in Leipzig.