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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 190

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Die Juden in Sibirien
Date
1920-01-01
Page
190 (sequence 6)
Language
German
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I9Q Umschau: Die Juden in Sibirien Wirtschaft mit 200 Kühen einrichteten usf. Die Hauptbeziehungen mit der Mongolei, meist über die Grenzstation Kjachta, unterhielten die Juden aus Tschita. — Von den Industrien ist die Seifenfabrikation, die Erzeugung von Farben, Hefe und Mineralwässern vorwiegend in jüdischen Händen. Die Handwerke selbst sind meist Zwergbetriebe, d. h. der Meister arbeitet allein, ohne Gesellen, meist auch ohne Lehrling. Am verbreitetsten sind unter ihnen die Hut- und Mützenmacher. Einen großen Anteil nahmen die Juden auch an der Goldgewinnung, besonders im Bargusiner Kreise. Aber nicht nur die ökonomische, auch die gesellschaftliche Lage der Juden in Sibirien war verhältnismäßig günstig. Der behördliche Antisemitismus war hier, besonders bei Generalgouverneuren wie Gondatti oder Goremykin, natürlich sehr stark, aber ein gesellschaftlicher Antisemitismus war fast" völlig unbekannt. In den kleineren Plätzen erfreute sich der Jude oft der höchsten Achtung seiner Mitbürger, und in den Städten spürte man keine Scheidewand zwischen der russischen und jüdischen Bourgeoisie. Die Juden nahmen an allen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Unternehmungen teil. Politisch spielten sie in den Parteien der Kadetten4* und der Sozialrevolutionäre eine hervorragende Rolle. Oft verband sie persönliche Freundschaft mit ihren russischen Mitbürgern. Dieses Verhältnis begann sich erst 1918 zu ändern. Das russische Bürgertum, das früher liberal und progressiv gesinnt war, begann immer mehr sich nach rechts zu orientieren; aus Abwehr gegen die Revolution begann es in den Juden die Träger des ihnen verhaßten radikalen Prinzips zu sehen, und Männer, die ihr Leben lang philosemitisch gewesen waren, begannen halbverschämt von den Juden abzurücken. Dazu kam die Einwanderung der großen jüdischen Flüchtlingsmassen aus dem Ansiedlungsrayon und mit ihnen auch proletarischer oder halbproletarischer bewußt radikaler Elemente. Die letzten Jahre, die Sibirien aus seiner Abgeschlossenheit gerissen und zur Zeit der traurigen Koltschakepisode in eine politische Bühne verwandelt haben, haben sein wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben völlig zerstört, sie brachten die großen Weltkrankheiten: Antisemitismus und Erwerbsgier. Unter dem Zarenregime waren die Juden nur als Synagogen organisiert, seit der Revolution versuchte man überall zur Bildung nationalreligiöser Gemeinden auf demokratischer Grundlage zu schreiten. Die Synagogen, die in ihrem wirtschaftlichen Rat zugleich das philanthropische und das Schulwerk leiteten, wenn auch oft unter juridischen Schwierigkeiten, waren richtige balebatische Organisationen — die Macht lag in den Händen einzelner reicher und angesehener Gemeindemitglieder und ihrer Familien. Auch das war nicht kampflos vor sich gegangen; auch hier hatten sich zwei verschiedene Generationen abgelöst: die alten Ansiedler, die gewissermaßen die Patrizier darstellten, und als ihre Nachfolger seit ungefähr 1880 die später zugekommenen und reichgewordenen Juden, besonders die Intelligenz und die studierten Berufe, die gegen die alte kaufmännische Oligarchie auftraten. Solche Gemeinden entstanden in allen Städten um die Synagogen; in vielen Orten erhoben sich schöne steinerne Tempel, wie in Irkutsk oder in Tomsk, wo sie von den jüdischen Kantonisten errichtet worden waren, oder in dem sonst judenarmen Chabarowsk, wo sie während des russischjapanischen Krieges jüdische Soldaten erbaut hatten. Diese Synagogenverwaltungen legten, insbesondere dort, wo sie einen rührigen Vorstand hatten, Büchereien an, gründeten Schulen, Armen- und Siechenhäuser. Unter den Gemeindegewaltigen war damals manche interessante Persönlichkeit, wie z. B. der Irkutsker langjährige Vorsteher J. S. Dombrowski, dessen Lebensgeschichte, wie sie mir erzählt wurde, ich für genügend interessant und charakteristisch für den Zustand des damaligen Judentums halte, um sie kurz hier wiederzugeben. Er war 1794 als Sohn armer Eltern im Kownoer Gouvernement geboren worden. Jung verheiratet, lebte er einige Jahre mit seiner Frau, um sie, von irgend einem Wandertriebe erfaßt, plötzlich zu verlassen und ins Ausland zu gehen, wo er 12 Jahre vorerst in Deutschland und dann in London lebte, nach der einen Version als Diener bei Rothschild, nach der anderen als Schammes beim englischen Rabbiner Nathan Adler. Die Eltern seiner verlassenen Frau, — solcher, „Agunoth" genannt, gab es damals viele unter den Ostjuden, und da sie sich nicht scheiden lassen und wieder heiraten konnten, war ihre Lage meist recht traurig — sandten, als sie endlich seinen Aufenthaltsort erfahren hatten, ihm einen Abgesandten (Schaliach) nach, dem es auch gelang, Dombrowski zur Heimkehr zu bewegen. Es war im Jahre 1831 zu Beginn der Liquidation des polnischen Aufstands. Zurückgekehrt war Dombrowski bereit, seiner Frau den Scheidebrief zu geben, nicht aber, weiter mit ihr zu leben, was man von ihm verlangte. Um sich zu rächen, zeigte man ihn als am polnischen Aufstand beteiligt bei der Regierung an. Nun drohte ihm Einziehung zum Militär für lange Jahre. Davor graute ihm, und er versuchte, statt dessen nach Sibirien verbannt zu werden. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe. Bei der In-

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