Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden in Sibirien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 189 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Die Juden in Sibirien 189 Dörfern aber vereinzelt und von den Stammesgenossen weit getrennt, bewahren sie merkwürdigerweise dennoch, wie die Statistiken des Irkutsker Gouvernements beweisen, in den Dörfern eine größere nationale Standfestigkeit als in den Städten und unterliegen weniger dem Russifizierungsprozesse. Der Russifizierungsprozeß hat unter der Jugend in den Städten weitere Fortschritte gemacht. Doch ist das durch das Zuströmen der jargonsprechenden Juden aus Westrußland ausgeglichen worden. Die Kunst, jüdisch oder hebräisch schreiben oder lesen zu können, ist wenig verbreitet. Nur 10 % der Männer und 4 % der Frauen waren im Jahre 1897 dazu imstande, während die Fähigkeit, russisch zu schreiben und zu lesen, viel verbreitet ist. Auch hier ist es in den Dörfern besser als in Irkutsk. In Irkutsk können 5,5 % der Männer jüdisch schreiben und lesen, in den Dörfern dagegen 13 %. Die allgemeine Schulbildung ist natürlich bei den Juden viel höher als bei den Russen. Während sie bei den Russen in Irkutsk im Jahre 1897 19 % der Männer und 6 % der Frauen umfaßte, waren zu dieser Zeit 41% der jüdischen Männer und 26 % der jüdischen Frauen imstande, russisch zu lesen und zu schreiben. Der beruflichen Gliederung nach waren im Jahre 1897 im Irkutsker Gouvernement mit Familien 378 Kaufleute, 2682 Handwerker, 2 597 Bauern und 1822 ohne bestimmten Beruf, meist Verbannte aus Strafkolonien. In dieser Statistik überrascht vor allem die hohe Zahl der sogenannten Bauern. Doch werden wir sehen, daß es sich bei diesen Bauern um keine Landarbeit in unserem Sinne handelt. Trotz dieser überraschend hohen Zahl der „bäuerlichen" Bevölkerung ist noch immer der berufliche Aufbau der Russen völlig von dem der Juden verschieden, wie wir aus folgender Statistik ersehen. Beruf Gesamtbevölkerung Juden Freie Berufe 2,2 % o,3 % Kaufleute o,3 % 5,3 % Gewerbetreibende 7,3 % 37,7 % Bauern 60 % 36,7 % Ohne Beruf 31,2 % 20,7 % Gehen wir der beruflichen Gliederung im einzelnen nach, so waren im Irkutsker Gouvernement von den männlichen jüdischen Erwerbspersonen 288 mit dem Handel landwirtschaftlicher Produkte, 238 mit der Erzeugung von Bekleidungsgegenständen, 109 in der Metallbearbeitung, 107 im Handel ohne genauere Angabe, 91 im Handel mit Textilwaren, 77 im Ackerbau, 74 im Fuhrmannsgewerbe, 56 im Viehhandel, 53 in der Bearbeitung der Nährstoffe beschäftigt. Um aus diesen Angaben Schlüsse ziehen zu können, müssen wir sie wieder in Vergleich setzen mit der Berufsgliederung der nichtjüdischen Bevölkerung einerseits, der Juden Gesamtrußlands andererseits. Wir erhalten dann folgendes Bild: Landbau Veraru. Urbettendes Handwerk Handel Produktion Gewerbe Gesamtbevölkerung im Irkutsker ni n, Gouvernement -52,4 % 5,4 % 3,3 % 3r3 % Juden im Irkutsker Gouvernement .... 6 % II % 14 % 28 % Juden im europ. Rußland .3,5 % 35% 39% Wir sehen also, daß — obwohl noch immer völlig anders als die Berufsgliederung der Nichtjuden — dennoch die Berufsschichtung der Juden sich der allgemein-normalen eher nähert als im europäischen Rußland. In den letzten Jahren hat sich hier eine Änderung vollzogen, die in allen vom Kriege und gar vom Bürgerkriege heimgesuchten Ländern eingetreten ist: die Spekulationswut hat wie die ganze übrige Bevölkerung so auch die jüdische ergriffen. Die alten Berufsschichten lösten sich langsam auf, es entwickelte sich der weitverbreitete Stand derer, die mit allem ohne jede Spezialisierung handeln, und die Eigentümlichkeit der Lage Sibiriens mit seinen Zugangsmöglicbkeiten nach Japan und Amerika und seinem valutenreichen Geldmarkte verschob das Zentrum des wirtschaftlichen Lebens vom Kleinhandel und Handwerk in den großen Importhandel und geographisch von Irkutsk nach dem fernsten Osten, nach Wladiwostok und Charbin, wo große jüdische Ansiedlungen seit 1917 entstanden sind. 3. Die materielle Lage der Juden in Sibirien war eine verhältnismäßig günstige, auch hierin westjüdischen Verhältnissen angepaßter als dem Ansiedlungsrayon. Von den Juden in den sibirischen Städten waren r88o 7%, 1912 12 % aus öffentlichen Mitteln unterstützt. Wichtige Gewerbe, wie das der Apotheker, Drogisten, Juweliere und Uhrmacher waren zum großen Teil in ihren Händen, aber auch der in den letzten Jahren sehr wachsende Großhandel mit der Mongolei, der große Initiative und kolonisatorische Geschicklichkeit erforderte, wurde von jüdischen Firmen betrieben. Die Juden zeigten in dieser noch völlig wilden Gegend ihre Fähigkeit als Pioniere. Nicht nur rüsteten sie große Handelskarawanen aus, sie waren auch die ersten, die auf mongolischen Binnenseen Dampfschiffe fahren ließen, die erste Musterraiich-