Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden in Sibirien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 188 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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i88 Umschau: Die Juden in Sibirien Schmutz fehlte völlig. Auch erfuhren die Juden seitens der russischen Bevölkerung weder Haß noch Verachtung, und bis in die letzten Jahre war in Sibirien von einem Antisemitismus innerhalb der russischen Bevölkerung fast nichts zu spüren. Jeder Versuch der Regierung, ihn zu erregen, scheiterte an dem offenen und freundlichen Sinne der Bevölkerung, wie an der jahrelangen Gewohnheit des Zusammenlebens der Juden mit den Russen. Daß sich das im letzten Jahre geändert hat, werde ich später erwähnen. Dennoch entstanden organisierte Gemeinden nur langsam in Sibirien. Die älteste und bedeutendste ist Irkutsk, das durch seine Lage im Mittelpunkte Sibiriens, durch seine Nähe zur mongolisch-chinesischen Grenze und zu den Zentren der Fell- und Goldgewinnung, sowie durch seine Größe wohl als die Hauptstadt Sibiriens gelten darf. In Irkutsk waren im Jahre 1909 unter 108060 Einwohnern 6169 Juden. Eine jüngere Zählung besitzen wir nicht, doch dürfte Irkutsk im Jahre 1919 unter 150000 oder mehr Einwohnern wohl 10000 oder 12000 Juden gezählt haben. Die Entwicklung in Sibirien selbst zeigt uns das gleiche Bild wie in Mitteleuropa. Die Juden, ursprünglich in kleinen Landgemeinden wohnend, ziehen allmählich in die großen Städte, einst blühende Gemeinden verfallen völlig, und oft zeugt in kleinen Dörfern an alten Karawanenstraßen, die durch die Eisenbahn jede Bedeutung verloren haben, ein jüdischer Friedhof voll verwitterter Grabsteine davon, daß einst in diesem judenreinen Dorfe Juden gelebt haben müssen, über , deren Schicksale kein Mensch etwas aussagen kann, obwohl nur wenige Jahrzehnte seither vergangen sein können. Das Interesse der sibirischen Juden für ihre Geschichte ist noch gering, obwohl dies sicherlich ein interessantes Feld wäre, da die dortigen Juden eine eigentümliche Kreuzung zwischen den westeuropäischen und osteuropäischen nicht nur in ihrer Wesensart, sondern auch in ihren Lebensbedingungen darstellen. Erst in letzter Zeit erkennen die größeren jüdischen Gemeinden ihre Pflichten auf diesem Gebiete, und der Irkutsker Gemeinde bzw. ihren Sekretären Wojtinsky und Hornstein verdanken wir ein vortreffliches Buch über die Juden in Irkutsk, das ich dankbar benutzt habe. Es wäre nur zu wünschen, daß alle russisch-jüdischen Gemeinden in ähnlich anschaulicher Weise ihre Geschichte von berufener Hand schildern lassen würden. In Irkutsk selbst entwickelte sich jüdisches Leben verhältnismäßig später als in den kleinen Landgemeinden. Es ist eine ganze Anzahl solcher bekannt, wo früher größere Judensiedelungen waren. Die Zerstreuung der Juden unter die fremdrassige Bevölkerung und der Weibermangel hatten im Irkutsker Gouvernement einen eigenen neuen Erwerbszweig hervorgebracht. Die jüdischen Kolonisten, die keine Eingeborenen heiraten wollten, wünschten sich Mädchen aus dem Ansiedlungsrayon. Aber bei den damaligen Transportverhältnissen war eine Reise von mehr als 6000 Kilometern eine ungeheure Schwierigkeit und sich auf Brautschau zu begeben wohl jedem von ihnen versagt. Einzelne Juden dienten nun als Vermittler, indem sie in Sibirien diejenigen verzeichneten, die sich Mädchen aus Westrußland wünschten, dorthin fuhren und von dort der Nachfrage gemäß Mädchen mitbrachten, die das verhältnismäßig freie und wohlhabende Leben in der halbwilden fernen Landschaft lockte. In Irkutsk selbst kamen die ersten Juden 1818 an. Aber es waren ihrer so wenige, daß bis in die 40 er Jahre sich ohne Zuziehung der jüdischen Kantonistensoldaten in der Stadt kein Minjan bilden konnte. Langsam wuchs die Zahl der jüdischen Einwohnerschaft. Im Jahre 1863 zählte man unter 27989 Bewohnern 283 Juden, 1875 unter 31000 Bewohnern 1007 Juden. Für den Soziologen wichtig ist die Verteilung der Juden im Irkutsker Gouvernement auf Hauptstadt, Landstädte und Dörfer. Sie stellt sich folgendermaßen dar. I. in absoluten Zahlen: Jahr Irkutsk Landstädte Dörfer 1863 280 50 540 1873 560 So 870 1883 1400 110 I340 1897 3610 380 340O 1901 3600 400 397o IL in Prozenten: 1863 32 5,7 . Ö2,3 1873 38 3,4 58*6 1883 49,i 3,9 47 1897 48,2 5,i 46,7 1901 45,2 5,i 49,7 In Irkutsk stellten die Juden 1897 7% der Bevölkerung dar, auf dem riachen Lande nur °,75% un(* im ganzen Gubernium 1,4%. Seit diesem Jahre besitzen wir keine genauen Ziffern mehr, doch hat sich seit der Revolution das Verhältnis noch mehr zugunsten Irkutsks verschoben, da die aus Westrußland zugewanderten Juden zum größten Teile in den Großstädten, zum geringen Teile in den Landstädten, fast niemals auf dem flachen Lande sich ansiedelten. Diese in der ganzen Welt zu beobachtende Tatsache ist nicht nur vom wirtschaftlichen Standpunkte, sondern auch vom nationalen zu beklagen. Denn obwohl die Juden in den größeren Städten in festgefügten Gemeinden leben, in den