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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 184

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Sozialismus
Date
1920-01-01
Page
184 (sequence 6)
Language
German
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184 Umschau: Sozialismus Zweck dieser Maßregeln ist: die in Betrieben niederen Ranges zuzubringende -Arbeitszeit zu kürzen und den Übergang in Betriebe höheren Ranges zu fördern. Frei,macht Zeitpolitik den Arbeiter — zur Arbeit. All dies in der Absicht, seine Werkinteressen gegenüber den Gewinninteressen zu stärken und auf diese Art die Arbeitssphäre zu vergeistigen. Damit soll ein Hauptmangel Poppers, seine zu geringe Sorge um die „Gesinnung", den „Geist" im neuen Staate, behoben werden, denn je realer, menschenwürdiger die Beziehung des Menschen zu seiner Arbeit ist, um so mehr respektiert er auch die sozialwirtschaftliche Sphäre, in der er ein Werk von gleicher Heiligkeit sieht, wie sein eigenes, wie jedes wahrhaftige Werk. Soweit Brod. — Was kann nun an Tatsächlichem durch* diese Zeitpolitik bewirkt werden? — In der privatwirtschaftlichen Sphäre ein automatisches Sichumwandeln der Betriebe erster Art in solche zweiter Art, welche Umwandlung aber auch, wie Brod bemerkt, direkt vom Staate angeordnet werden kann (Betriebsrätegesetz). Es ist somit lediglich eine Frage der legislativen Technik, was sich eher durchsetzen läßt. In der Sphäre der staatlichen Bewirtschaftung (und Brod deutet an, daß auch hier Zeitpolitik eingreifen soll) kommt der „Mehr-Zeit-Idee" allerdings die schwerwiegendere Bedeutung einer Festlegung des „Standard of life" zu. Denn J. St. Mill hat (von Brod zitiert) wohl recht, wenn er in Frage stellt, „ob bis jetzt alle mechanischen Erfindungen die Tagesmühe irgendeines menschlichen Wesens erleichtert haben". Dies haben sie wahrscheinlich nicht; aber sie haben dazu gedient, höhere *) Bedürfnisse aller leichter zu befriedigen. Sollen daher die von einem gewissen Zeitpunkt an neu gemachten Erfindungen lediglich zur Verkürzung der Arbeitszeit verwendet werden, so ist damit eine Weiterentwicklung über den in diesem (zufälligen) Zeitpunkte herrschenden (durchschnittlichen) Standard of life unmöglich gemacht. Wenn somit Brod meint: „Als die Eisenbahnverwaltung Fahrkartenautomaten einführte, bestand theoretisch die Möglichkeit, alle ersparte Zeit, in der die Automaten an Stelle der Schalterbeamten Karten verkauften, diesen Beamten zu gute kommen zu lassen. Doch daran hat niemand gedacht; Die Beamten arbeiten nicht eine Minute kürzer als bisher. Die Verwaltung hat einiges gespart. Menschlich ist nichts gewonnen" — so muß er nur daran erinnert werden, daß er selbst als Folge der Automatisierung die Verbilligung bezeichnet hat. Die Verwaltung hat wahrscheinlich nichts erspart, denn sie zahlte *) Höher nicht der Rangordnung nach, sondern rein quantitativ. deswegen nachher schwerlich höhere Dividende aus, als zuvor (bei Staatsbahnen kommt das überhaupt nicht in Betracht), sondern das Reisen ist billiger und damit einem größeren Kreis von Menschen zugänglich geworden — und ob damit menschlich nichts gewonnen ist, das steht zur Frage. Noch einmal Wirtschaft und Freiheit. Läßt sich aber diese Frage theoretisch beantworten? Hier stößt man an die Grenzen der Utopie. Es ist möglich, daß der Standard of life, den die Bevölkerung unserer großen Industriezentren erreicht hat, künstlich auf diese „Höhe" gebracht, künstlich auf dieser „Höhe" erhalten ist. Das Kapital kann nur ausbeuten, indem es produziert. Es liegt somit in seinem Interesse, viel zu produzieren und daher die Bedürfnisse zu steigern. So wird die Theorie aufgestellt, daß Bedürfnislosigkeit Kulturlosigkeit ist, und durch die ganze Erziehung werden Bedürfnisse suggeriert; welche Rolle z. B. die Mode in der kapitalistischen Wirtschaft spielt, ist bekannt *). Wo ist hier die Grenze des Notwendigen zu ziehen? ^~ Und all diese für Massenabsatz bestimmten Massengüter werden in Betrieben erzeugt, die der Kapitalismus selbst geschaffen hat Er aber hat sich eine Betriebstechnik gewählt, indem er die menschliche Kraft rein mechanisch bestimmt in Rechnung stellte. Dies war ihm nur möglich, weil die Träger dieser Kraft, die Menschen, gezwungen waren, sich diesem Produktionssystem zu fügen. Ist es nicht vielleicht ein Irrtum, zu glauben, daß eine Betriebstechnik, die mit Menschen, die unter Zwang stehen, rechnet, direkt übernommen werden kann für Menschen, die das Bewußtsein ihrer Freiheit haben? Man wird die Betriebe „sozialisieren", in der Vollsozialisierung oder für die Minimuminstitution; aber so wie das bis jetzt meist verstanden wird, ist das dann lediglich eine Sozialisierung der Gewinne. Wie aber, wenn der Arbeiter die psychische Einstellung verloren hat, die ihn geeignet macht, in solchen Betrieben * Gewinne zu produzieren? Dann ist eine teilweise Abrüstung der industriellen Produktion unvermeidlich — und vielleicht ist das, was aus Rußland berichtet wird und was ich bereits erwähnte: Stillstand der Fabriken, Flucht aus den Städten, mit eine Erscheinung dieser Art Vielleicht ist also dieses ganze komplizierte System legislatorischer Maßnahmen zur Einschränkung der „mechanischen Arbeit", das Brod vorschlägt, — undurchführbar vor der sozialen Revolution, und — überflüssig nach ihr? Aber alle diese Fragen können keine theoretische Lösung finden, nur eine praktische, emf) Sombart: Kapitalismus und Luxus.

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