Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Sozialismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 183 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Sozialismus 183 Was ist die Wurzel dieser sozialen Ungleichheit? Das Monopol, lautet die Antwort. Die Bedrücker sind die rechtlichen Besitzer von Proüuktionsmonopolen, oder, wie Franz Oppenheimer als Theoretiker des „Liberalen Sozialismus"*) behauptet, des einzigen wirklichen Monopols, auf das sich alle anderen Monopole zurückführen lassen: des Bodenmonopols. Durch die Bodensperre entsteht das Proletariat der Landlosen; dieses bildet die industrielle Reservearmee, die ihre Arbeitskraft den Besitzern der industriellen Produktionsmittel zu Preisen, Löhnen, verkauft, die diesen das Einheimsen des Mehrwertes ermöglichen. Ist die Bodensperre aufgehoben, so müssen die Löhne steigen, tis sie eine Höhe erreichen, die dem „Arbeitgeber" nichts weiter als ein „Direktorengehalt" läßt Die Bodensperre ist nun aber keine natürliche. Boden ist genug vorhanden, sogar in Deutschland. Sie ist also künstlich, durch Gewalt geschützt. Eine Bodenreform, die das Bodenmonopol aufhebt, den Boden frei macht, zugleich mit einer inneren Kolonisation, macht somit auch den industriellen Arbeiter frei, hebt jede Ausbeutung und Unterdrückung auch bei sonst freier Wirtschaft auf, verwirklicht somit den Sozialismus, indem sie die Harmonie von Wirtschaft und Freiheit herstellt. Diese Theorie ist von besonderer Bedeutung für den Zionismus (Oppenheimer hat ja auch bekanntlich bei den bisherigen kolonisatorischen Versuchen der zionistischen Organisation zum Teil mitgewirkt). Ihre Voraussetzungen können nur im Zusammenhange mit der Betrachtung der Stellung der Agrarfrage im Sozialismus untersucht werden. Jedenfalls enthält jedes sozialistische System die Bodenreform als einen Teil in sich. Die Brodsche Mehr-Zeit-Idee. Auch für Brod ist die Bodenreform Grundlage seines Systems. Nur erscheint sie ihm, wenn auch als notwendig, so doch nicht als hinreichend. Sie verhindere lediglich, daß Sozialismus nicht ' entstehen könne. Doch müsse positiv die Poppersche Minimuminstitution hinzutreten. Soviel der Gemeinschaft, — der Freiheit den Rest. Aber auch in diese restliche Sphäre will Brod den Staat eingreifen lassen, um einer anderen, einer höheren Freiheit willen. Sklaverei, Unfreiheit, von innen heraus, aus der psychologischen Stellung des Arbeitenden zum Arbeitsprozesse gesehen, ist: mechanische Arbeit, bei der der Arbeitende an seiner Arbeit *) Franz Oppenheimer: Die soziale Forderung der Stunde. Verlag Neuer Geist. 1919. seelisch nicht beteiligt ist. Freiheit ist somit ihre Umkehrung, die Brod „Arbeit am eigenen Werk" nennt, bei der dem Arbeiter Werk und Seele eins geworden sind. „Arbeit am eigenen Werk" ist nicht nur „künstlerische" Tätigkeit, sondern alles, was mit vollem Einsatz der Seele geschieht, also ebenso die liebevolle Versunkenheit des Handwerkers, wie die Arbeit des genialen Organisators, wie die persönliche Bebauung des Bodens in Freiheit. Hier hat die Arbeit das Reich der Not verlassen, sie ist höchstes Schaffensglück*). Die Menschen befreien heißt also sie vom Zwange der mechanischen Arbeit erlösen und sie für die Arbeit am eigenen Werk erziehen. Daher hat der Staat eine Rangordnung von Arbeitstypen festzusetzen und die höhere Arbeitsart der niederen gegenüber zu bevorzugen. „Mechanische Arbeit" und „Arbeit am eigenen Werk" sind die Grenzfälle dieser Arbeitstypen. Dazwischen liegen: „Arbeit mit seelischer Beteiligung" und „Freie Arbeit". Bei der ersteren hat der Arbeiter Anteil sowohl am Ertrage, als auch an der Arbeitsleitung (z. B. durch gewählte Betriebsräte). Bei der letzteren ist er (als Einzelarbeiter oder in Genossenschaften organisiert) völlig Herr über Ertrag und Betrieb. — Das Grundprinzip der differenzierten Behandlung der verschiedenen Arbeitstypen lautet nun: Mit wachsender seelischer Anteilnahme, die der betreffende Arbeitstypus dem Arbeitenden gewährt, wächst das Recht auf Arbeitszeit in dem in diese Kategorie eingereihten Betriebe. Das ist so zu verstehen, daß die Arbeitszeit für Typus 3 und 4 überhaupt nicht festgelegt wird, während für Typus 1 und 2 ein gesetzlicher Maximalarbeitstag (z. B. Achtstundentag) normiert wird. Nun aber, und darin besteht Brods „Mehr-Zeit- Idee", soll jede neue Erfindung, die unter Ausnützung der Arbeitsteilung den Produktionsprozeß automatisiert, zur Herabsetzung der Arbeitszeit in den Betrieben vom Typus 1 verwendet werden, und nicht zur Verbüligung des Produktes, wie dies bisher geschah. Lediglich in Betrieben vom Typus 2, in denen der Betriebsrat darüber bestimmt, dürfen die mechanischen Erfindungen zur Erhöhung der Produktion, bzw. als „Automatisierungsrente" zur Umwandlung der ersparten Zeit in Geld ausgenützt werden. Dies ist „Zeit-Politik"; sie erfaßt nicht die Seele, die Politik nicht erfassen kann, aber von allen materiellen Sphären die der Seele unmittelbarst benachbarte. *) Oder in einer anderen Terminologie: sie ist aus unedlem edles Unglück geworden. Vgl. Brod: Grenzen der Politik. „Der Jude", III. Jahrgang, Heft 10, 1919.