Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Sozialismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 185 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Die Juden in Sibirien pirisch gewonnene: durch die Selbstbestimmung der Arbeitenden. Oder in der Formulierung, die diese Anschauung im Programm des deutschen Hapoel Hazair gefunden hat: ,,Nicht durch eine mechanische Regelung von oben, sondern durch die organische Entfaltung der miteinander verbundenen Arbeitenden und Arbeitsgemeinschaften soll von unten auf die (nationale) Wirtschaft gestaltet werden.* * Utopie und Politik. Damit soll natürlich Zielkonstruktion, Planmäßigkeit nicht abgelehnt werden. Wir brauchen die Utopie. Vielmehr: wir brauchen eine ganze Anzahl von Utopien, um für jeden Fall, wie er auch kommen mag, gerüstet zu sein. Aber so wenig als der wissenschaftliche Sozialismus voraussagen kann, was kommen wird, eben so wenig vermag irgendeine Utopie zu dekretieren, was kommen soll. Utopien sind bereitzuhalten und wo es geht, bald da, bald dort, bald mit diesem Teile, bald mit jenem, zu verwirklichen. Ziel des Sozialismus ist, bleiben wir beim Erfurter Programm, „Aufhebung jeder Art der Ausbeutung und Unterdrückung'und das läßt sich wahrscheinlich auf verschiedene Art erreichen. Und sozialistische Politik hat lediglich die politische Konstellation zu schaffen, die notwendig ist, um überhaupt irgendeine sozialistische Utopie oder ein Stück davon zu verwirklichen. Daher gibt auch nicht das Ziel, nicht die Frage der zukünftigen Gesellschaftsordnung, den Grund zur Bildung sozialistischer Parteien, sondern: die Probleme „Diktatur oder Demokratie", „Parlamentarismus oder Rätesystem", „Gewalt oder Gewaltlosigkeit", also alles Teile der politischen Frage, wie dieses Ziel zu erreichen sei. Auch was Marx am Utopismus (Utopismus als politische Methode) bekämpfte, war weniger die Zielsetzung, als die Wahl der (seiner Meinung nach ungeeigneten) Mittel, die zu diesem Ziele führen sollten*). Es ist daher eine Verkennung dessen, was die Utopie politisch zu leisten vermag, wenn Brod glaubt, das Ziel erreicht zu haben, dem H.-H. ein „Europaprogramm" zu geben, auf Grund dessen er sich „in den neugebiideten Staaten . . . mit den bestehenden Parteien auseinandersetzen" kann, indem er als Programmkern das System von Popper-Lynkeus empfiehlt. Ist damit z. B. den Zeire-Zion, die sich in erster Linie als werdende Partei mit bestehenden Parteien in den neu gebildeten Staaten auseinanderzusetzen haben, irgendwie gedient? Bewirken nicht ganz andere Fragen ihre Spaltung in rechte und linke Gruppen? Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die allermeisten sozialistischen politischen Parteien bereit sein werden, das Poppersche System zu akzeptieren — und natürlich noch manche andere Utopie, wenn sie aktuell wird. Am ehesten, wie ich bereits ausführte, eine marxistisch erzogene, zentralistisch-rationalistische Partei (und damit auch die Poale-Zion) — am wenigsten vielleicht der deutsche H.-H., wofern ich seine Psychologie, wie sie sich in dem oben zitierten Programmsatz dokumentiert, recht beurteile. — Und der H.-H. in Palästina? Da sind die individualwirtschaftlichen Tendenzen, wie sie z. B. im Wirtschaftsplan des „Moschaw-Owdim" zutage treten, bekannt. Aber vielleicht ist der palästinensische H.-H. gar keine politische Partei? Es gibt ja auch andere Mittel zur Verwirklichung von Utopien, als Parteipolitik — doch darüber das nächste Mal. _________ Markus Reiner *) Käthe Pick: Wissenschaftlicher Sozialismus und Utopistik. ,,Der Kampf", 1920. BERICHTE VOM JÜDISCHEM LEBEN DIE JUDEN IN SIBIRIEN I. Sibirien ist heute noch nicht nur ein fast unbesiedeltes, sondern auch ein fast unbekanntes Land Die abenteuerlichsten Vorstellungen erweckt schön der Name dieses Landes der ewigen Kälte, das, wie man weiß, unter der Zarenherrschaft als Verbannungsort gedient hat. In Wirklichkeit sieht das Land anders aus. Die Ureinwohner sind bis auf geringe Reste weit ab von der Bahn ausgerottet oder ausgestorben, und das kulturelle Leben Sibiriens ist heute völlig das des europäischen Rußland, wobei vielleicht gerade noch die politisch Verbannten eine höhere Intensität und eine freiere Atmosphäre des geistigen Lebens schufen, als wir sie in russischen Städten treffen. Wer dieses unendliche Land mit seiner im Sommer unergründlich grünen Tajga, mit seinen heiter blauen und kristallklaren Wintern, mit seinen breiten Strömen und seinen üppigen Waldgebirgen kennen gelernt hat, der muß es auch lieb gewinnen und kann die Anhänglichkeit des Sibiriaken an seine Heimat recht wohl verstehen. Der Sibiriak ist ein eigener russischer Typus.