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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 182

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Sozialismus
Date
1920-01-01
Page
182 (sequence 4)
Language
German
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182 Umschau: Sozialismus Die allgemeine Nährpflicht. Popper, von Beruf Ingenieur, war an die soziale Frage als Techniker herangetreten. Der Mensch wirtschaftet, um sich die zur Erhaltung seiner Existenz notwendigen Sachgüter zu beschaffen. Diese Wirtschaft zu ermöglichen, ist Hauptaufgabe der sozialen Ordnung. Sie hat sie bisher recht und schlecht erfüllt, mehr schlecht als recht, weil nicht rationell, nicht planmäßig. Es handelt sich also darum, planmäßig zu wirtschaften. Es ist zu bestimmen, was eine Einheit von soundso viel Menschen als Lebensnotdurft wirklich braucht, und wie man diesen Bedarf mit den vorhandenen Mitteln möglichst rationell aufbringt. Die mit Hilfe der Statistik angestellten Berechnungen ergeben dann, daß unter Zugrundelegung der z. B. in Deutschland herrschenden Verhältnisse eine dreizehnjährige Arbeitsdienstpflicht jedes Mannes dieser Einheit und eine achtjährige jeder Frau genügt, um ihren ganzen Bedarf sicherzustellen (inklusive natürlich der Erhaltung der Arbeitsunfähigen und ihrer eigenen außerhalb ihrer Dienstpflichtzeit). Aufgabe der staatlichen Gemeinschaft ist daher, diese „Minimuminstitution" zu schaffen, mit deren Hilfe allen ihren Bürgern das Existenzminimum von der Geburt bis zum Tode in allen Lebenslagen garantiert ist. Zu diesem Zwecke werden alle hierfür (aber nur hierfür) notwendigen Rohstoffe und Produktionsmittel in den Besitz des Staates überführt, und müssen jeder arbeitsfähige Mann und jede Frau ihre bestimmte Zeit in der „Nährarmee" abdienen. Alle übrige Wirtschaft, die nicht dem Minimum dient, ist frei. Innerhalb der Minimuminstitution herrscht Naturalwirtschaft, außerhalb derselben Geldwirtschaft. Diese Utopie ist von solch genialer Einfach-. heit, daß man nicht daran zweifeln kann, daß jeder zentralistisch geleitete „volkstümliche Arbei Lerstaat*1 (in der Terminologie Mengers) sich am Tage nach der sozialen Revolution zur „geregelten Produktion für die tatsachlichen Bedürfnisse der arbeitenden Klassen" nach Möglichkeit ihrer Methoden bedienen würde. Um so mehr, wenn dieser Arbeiterstaat errichtet ist von einer im Marxismus erwachsenen, somit ihrer Psychologie nach rationalistisch-zentralistischen Partei. So war Popper der erste Wirtschaftstechniker des Bolschewismus, vor allem Bolschewismus. Daß er so wenig Beachtung fand, lag daran, daß er noch nicht aktuell war und daß er anderseits zu konkret-technisch war, um ohne Aktualität interessieren zu können. Dann bereitete der Krieg mit Rationierungen, Lebensmittelkarten, Bergarbeiter- und Erntekompagnien und dem ganzen Kriegskommunismus und der Geborgenheit des Soldaten, dem allerdings sein Existenzminimum bis zum Tode in natura garantiert war, den Boden vor. So erhielt er von dort (er, der scharfe Kriegsgegner) Schüler, die auf dem Wege von der Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft zu ihm stießen; die Ingenieure der Sozialisierung, für die der Sozialismus ein rein gesellschaftstechnisches, politisch indifferentes Problem ist, im Prinzip unter dem Absolutismus eines Rates der Volkskommissäre ebenso realisierbar, wie unter jenem eines aufgeklärten „Großen Hauptquartiers". Tatsächlich hat auch der Bolschewismus diesen Weg eingeschlagen, sobald er an die Lösung der sich ihm unmittelbar aufdrängenden wirtschaftlichen Aufgaben schritt. Vorerst werden die allernotwendigsten Bedürfnisse, Nahrung und Kleidung*), erfaßt, von Arbeiterarmeen produziert und in natura beigestellt. Außerhalb dieser „Minimuminstitution" herrscht in Sowjetrußland Geldwirtschaft. Dies die Lösung des wirtschaftlichen Problems. Was die „Freiheit" anbelangt, °o argumentiert auch hier der Bolschewismus in seinem offiziellen, in Newyork erscheinenden Propaganda - Organ „Soviet-Russia" gegenüber der von starken liberalen Traditionen erfüllten englisch-amerikanischen Arbeiterschaft ähnlich wie Popper. In einem Sonderheft, das der Arbeiterarmee gewidmet ist, wird die Frage aufgeworfen „Are the Bolshewiks serfs?" und verneint, denn jeder arbeite für alle und für sich, jeder sei Nutznießer der „Minimuminstitution" (wenn man kurz hier den Popperschen Terminus gebrauchen darf, obwohl ihn die bolschewistische Terminologie nicht kennt), mithin identisch mit dem Staate, und dieser sichere ihm die Existenz und befreie ihn von Kampf und Sorge um die Notdurft des Lebens. Dieser Ausweg genügt jenen nicht, die auf die individuelle Freiheit, auch innerhalb sozialistischer Wirtschaft, nicht verzichten können. Sie halten den Gegensatz zwischen Sozialismus und Liberalismus für unberechtigt und bestreiten, daß der Liberalismus prinzipiell mit der Ausbeutung der arbeitenden Klassen verbunden sein müsse. Sie erinnern daran, daß der Liberalismus eine Idee ist, die durch den sogenannten wirtschaftlichen Liberalismus nichts weniger als ihre Verwirklichung erfahren hat. Denn wie könne eine Ordnung als „liberal" bezeichnet werden, die im Grunde lediglich kraft der sie beschützenden Bajonette besteht. Diese Bajonette erhalten die soziale Ungleichheit, die Ausbeutung und Unterdrückung ermöglicht. *) Neben dem auch in manchen kapitalistischen Staaten bereits sozialisierten Transportwesen und Bergbau und der Kriegsindustrie.

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