Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Sozialismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 181 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Sozialismus 181 tungsbereiches und falsch außerhalb desselben. Und zwar kann der Umfang dieses Geltungsbereiches lediglich aus dem Grade der Bewährung an den Geschehnissen des wirklichen Lebens bestimmt werden*). Jenen „wissenschaftlichen" Marxismus, der „prophezeit", lehnen wir daher im Prinzip als. unwissenschaftlich ab, womit sich trotzdem sehr gut verträgt, daß wir ihn im Einzelfalle akzeptieren. Denn in einer Zeit, da man von Einstein erfährt, daß auch ein Lichtstrahl krumme Wege gehen kann, wird man wenig Vertrauen in die Geradlinigkeit z. B. eines Gesetzes der Kapitalsakkumulation hegen. Aber dieses „Gesetz" ist vielleicht eine gute Fiktion zur Orientierung im sozialen Geschehen, und mit dieser reservatio mentalis kann man es sehr wohl gebrauchen. Gibt es aber keine „Voraussagungen", so kann über die Falschheit einer Utopie nichts ausgesagt werden, es sei denn am Ende der Tage**), und über ihre Richtigkeit nichts vor ihrer Verwirklichung. Die einzig mögliche Stellungnahme den verschiedenen Utopien gegenüber ist die systematische Zusammenfassung aller ihrer Vorschläge, wie sie Anton Menger in seiner „Neuen Staatslehre"***) vorgenommen hat. Der Geist dieser Stellungnahme ist: Toleranz für die „Unwissenschaftlichkeit" und Skepsis vor der , »Wissenschaftlichkeit' *. Wirtschaft und Freiheit Brod gibt nun also eine Utopie. Welches ist ihre Tendenz? Sie ist geboren aus dem „Drängen, der Freiheit zu geben, was der Freiheit, und der Gemeinschaft, was der Gemeinschaft ist". Das ist nun allerdings der Grundwiderspruch, den die jüngsten Geschehnisse am Marxismus zutage gefördert haben; der zwischen Freiheit und Gemeinschaft, wobei statt Gemeinschaft richtiger Gemeinwirtschaft zu setzen ist. Ein Widerspruch, der im System selbst nicht zu entdecken war. Der Sozialismus war immer als eine freiheitliche Bewegung gedacht und gewollt. Das Endziel war, nach dem Erfurter Programm, ».die Aufhebung jeder Art der Ausbeutung und Unterdrückung". Das Proletariat sollte die Freiheit erlangen, und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel war nur der Weg dahin. Denn der Privatbesitz an Produktionsmitteln einer bereits vergesellschafteten •) Dies entspräche etwa einer Auffassung des Marxismus vom Standpunkte des Vaihingerschen „Fiktionalismus". Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob. ••) Wenn sie (die Utopie) nur überhaupt unter Menschen spielt und nicht in einem Lande Liliput oder Brodignagg. **lje\ tt i ö& „. « ) Verlag Gustav Fischer, Jena 1902. Produktion: dies war das Instrument der Unterdrückung des Proletariats durch die Bourjgeoisie. — Andererseits sollte aber auch durch Ausschaltung der Mehrwertpresse und durch geregelte Produktion für die tatsächlichen Bedürfnisse der arbeitenden Klassen ihre wirtschaftliche Lage gebessert werden. Denn da die Entwicklung gezeigt hatte, daß die Vergesellschaftung der Produktion, wie sie der Kapitalismus gebracht hatte, die Produktivkraft vielfach vermehrte und ungeheure Reichtümer erzeugte, wenn diese auch nur den rechtlichen Besitzern der Produktionsmittel zugute kamen, so war also nur notwendig, daß auch die Produktions mittel vergesellschaftet, die Kapitalisten expropriiert, d.h. das Proletariat von der Herrschaft des Ausbeuters befreit würde, damit dieser Reichtum den arbeitenden Klassen selbst zugute käme. Soweit die Theorie. Nun aber kamen da und dort soziale Revolutionen. Die Fesseln fielen, aber die wirtschaftliche Lage besserte sich nicht. Vielmehr: sie sank. Xn Rußland kam: Stillstand der Fabriken, Flucht aus den Städten, industrielle Abrüstung. In Ungarn, zur Zeit der allerdings nur kurz andauernden Sowjetrepublik, wurde erklärt: die Arbeiter dürften nicht erwarten, daß es ihnen nun besser gehen würde, sie müßten ihrem Freiheitsideal auch wirtschaftliche Opfer zu bringen bereit sein. Damit war das Axiom von der Harmonie von Freiheit und Wirtschaft bereits fallen gelassen, aber allerdings die Freiheit gewählt. Kautsky jedoch erklärte auf der Amsterdamer Konferenz: „Wichtiger als die Vergesellschaftung der Produktion ist die Produktion selbst." Und der Volkskommissär für Sozialisierung der bayrischen Räterepublik, Otto Neurath*), war kurz entschlossen die Freiheit zu opfern, um die Wirtschaft zu retten. Mit Hilfe eines industriellen Militarismus sollte die Produktion aufrecht erhalten, der Arbeiter zur Arbeit gezwungen werden, so wie er seinerzeit zum Heeresdienst gezwungen worden war. Die bayrische Räterepublik fiel, aber die russische Sowjetrepublik hat diesen Weg betreten. Das Arbeiterheer ist keine Utopie mehr, sondern Tatsache. Das Arbeiterheer bestand aber in der Idee bereits zuvor. Es ist der Kern der von dem jüdischen Ingenieur und Philosophen Josef Popper-Lynkeus in seinem Buche: „Die allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage"**) entworfenen Utopie. *) Otto Neurath: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft. München 1919. **) Josef Popper: Die allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage. Verlag Carl Reissner, Dresden 1912.