Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Sozialismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 180 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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i8o Umschau: Sozialismus das braucht nicht bewiesen zu werden: das muß sich zeigen. Damit bin ich aber auch schon mitten in der Besprechung von Max Brods neuem Buche „Sozialismus im Zionismus" *). Der Titel führt irre, denn sonst dürfte nicht der Poale-Zionismus in zweieinhalb Zeilen gestreift und hierauf fortgefahren werden: „Der Hapoel-Hazair unternimmt einen dem Geiste nach jüdischen Sozialismus aufzubauen." Das ist nach dem oben Ausgeführten eine petitio principii, um so mehr, als Brod folgendermaßen fortfährt: „Sein Programm (des H.-H.) ist noch nicht konsolidiert und ich würde wünschen, daß die vorliegenden Kapitel auf die endgültige Fassung Einfluß gewännen. Dies ist zum Teil auch der Zweck meines Versuches, der in dieser Hinsicht gewissermaßen eine Anzahl von Briefen an Führer des H.-H. vertritt." — Um diesen Zweck zu erreichen, gibt Brod dann in seinem Buche ein Stück allgemein sozialistischer Theorie, deren Zusammenhang mit dem Zionismus allerdings lediglich dadurch hergestellt ist, daß Brod Zionist ist und dieser Theorie innerhalb des Zionismus Verwirklichung wünscht. Sozialistische Theorie. Wenn ich eben sagte, Brod gebe in seinem Buche ein Stück sozialistischer Theorie, so bedarf das einer Erläuterung. Man darf sich nämlich darunter nicht, einem allgemeinen Vorurteile folgend, etwa Nationalökonomie oder Soziologie vorstellen. Sondern er versucht einfach die grundlegenden Züge seines sozialistisch-zionistischen Zukunftsstaates zu ziehen, Und das ist sozialistische Theorie. Sozialistische Theorie ist nämlich zweierlei: kausale Analyse, d. i. wissenschaftliche Erkenntnis der den sozialistischen Bestrebungen zugrunde liegenden Geschehnisse und Kräfte. Jedoch aber auch teleologische Synthese, d. i. ideelle Konstruktion der angestrebten Gesellschaftsordnung in der Utopie. Damit ist im allgemeinen der auf den Sozialismus gerichtete bewußte Wille als konstituierendes Element desselben vorausgesetzt. Jede sozialistische Theorie und auch der Marxismus dort, wo er sich beim Worte nimmt (und das gilt von Marx ebenso wie von Lenin), baut sich aus diesen beiden, gemeinschaftlicher voluntaristischer Wurzel entspringenden Bestandteilen auf. Einzig der rein im Dialektischen verbleibende orthodoxe Marxismus (wozu man den Ausspruch Marx* vergleiche: „Moi, je ne suis pas Marxiste") versucht durch Rationalisierung der Theorie des Sozialismus, d. h. *) Max Brod: Sozialismus im Zionismus. R. Löwit Verlag, Wien und Berlin, 1920. Nichtberücksichtigung des Willens als bestimmenden Elementes im Sozialismus*), damit auch die utopische Konstruktion zu eliminieren. Dies geschieht in der Weise, daß angenommen wird, die wissenschaftliche Erkenntnis reiche zur Aufdeckung der Gesetze der sozialen Entwicklung aus, aus denen dann die Natur der die jetzige Gesellschaftsordnung notwendig ablösenden (sozialistischen) Gesellschaftsordnung vorausgesagt werden kann. Damit ist der bewußt auf den Sozialismus gerichtete Wille lediglich ein förderndes, nicht aber ein konstituierendes Element und die konstruktive Phantasie überflüssig. Die sozialistische Theorie hat keinen Bereich außerhalb der Sphäre des (nur erkennenden) Intellekts. Da diese Auffassung (schon rein begrifflich genommen) die engere ist, kann sie einem Referat über „Theorie des Sozialismus" nicht zugrunde gelegt werden. Sie hat allerdings den Vorzug größerer Geschlossenheit. Damit ist aber auch schon gesagt, daß sie dem Leben um so weniger gerecht werden kann. Es ist nämlich von vornherein klar, daß sich das ganze Leben in ein logisch geschlossenes System nicht bringen läßt, weil die Zahl seiner (des Lebens) konstituierenden Elemente unendlich ist, und weil ihre möglichen Kombinationen daher unendlich in noch höherem Grade sind. Das System erfaßt nur einen Ausschnitt, und wenn man meint, damit alle Probleme gelöst zu haben, so nur so lange, als es sich nicht am Leben bewähren muß. In dem Momente, wo es von der Wirklichkeit auf die Probe gestellt wird, enthüllt sich unvorhergesehene Problematik, es werden Widersprüche zutage gefördert, die man früher nicht bemerken konnte, weil es keine begrifflichen Widersprüche sind. Dies ist vorerst nicht mehr als eine Trivialität. Der Einwand trifft a 11 e Wissenschaft, und um so mehr, je exakter sie ist. Der „materielle Punkt" der Physik ist ein unwirklicheres Ding als der „materialistische Interessenmensch", den man Smith und Marx vorwirft, und doch kann man ganz gut mit ihm operieren. Man darf jenen Begriff des materiellen Punktes lediglich nicht dort anwenden, wo er nicht ausreicht, z. B. in der Elektrizität. Aber das konnte man zur Zeit Laplaces natürlich nicht wissen, als es noch keine Elektrizität gab. Ebenso gibt es gewiß keine sozialistische (oder allgemeiner: soziale) Theorie, die nicht zugleich richtig und falsch wäre; nämlich richtig innerhalb ihres Gel- *) Natürlich ist auch für Marx der Wille die treibende (ihrerseits getriebene) Kraft der sozialen Geschehnisse, nicht aber treibende Kraft des Sozialismus selbst.