Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 178

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Kolonisation
Date
1920-01-01
Page
178 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101167-3105342--3994-3105405
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

i78 Umschau: Kolonisation Buch von Elieserjoffe*), den man als Vertreter der bis zum Extrem durchgeführten Autarkie bezeichnen kann. Aus den Kreisen der palästinensischen Arbeiter hervorgegangen, enthält es zunächst eine sehr wertvolle Kritik der zurzeit in Palästina angewandten Wirtschaftstypen. Die bisherigen Kolonien schaffen eine jüdische Schicht von Grundbesitzern, der eine viel zahlreichere arabische Landarbeiterschaft gegenübersteht. Die in Angriff genommenen Achusoth sollten es ermöglichen, durch Einrichtung von Pflanzungen dem städtischen Kaufmann oder Intellektuellen einen leichten Übergang zur Landwirtschaft zu schaffen. Dieses Prinzip hat sich aber als falsch herausgestellt. Die Rentabilität der Achusoth ist höchst ungewiß. Sie verführen außerdem ihre Besitzer dazu, die Pflanzungen in Palästina dauernd von Lohnarbeitern bestellen zu lassen und selbst außer Landes zu bleiben. Dadurch züchten sie zugleich einen Lohnarbeiter, der dem von ihm bearbeiteten Boden fremd gegenübersteht. Die Produktiv- Genossenschaft anderseits, die bisher von den palästinensischen Arbeitern besonders hoch gehaltene Form, macht das Familienleben unmöglich und bietet dabei keine größeren wirtschaftlichen und moralischen Vorteile als eine Produzentengenossenschaft. Die Kwuzoth schaffen eine Arbeiteraristokratie, indem sie den schwächeren Arbeiter auf dem Wege der Auslese fern halten. Die Häuslersiedlungen endlich schaffen halbe Existenzen. Der Arbeiter aber hat die Sehnsucht nach einem vollen, vielseitigen, unabhängigen Dasein. Nur die Möglichkeit der Erreichung eines solchen Daseins macht es ihm auch möglich, die schwierige, sehr starke moralische Kräfte erfordernde Anpassung an die Landwirtschaft zu vollziehen. Zur Vermeidung der bisherigen Übelstände stellt Joffe die folgenden Prinzipien für die zukünftige Kolonisationsarbeit auf: i. Der Boden soll nationalisiert und den Kolonisten pachtweise vom JNF überlassen werden. 2. Die Kolonisten sollen nur die zum Lebensunterhalt der Familie unbedingt notwendige Fläche erhalten, die sie selbst bebauen können. 3. Der Kolonist soll bei der Ansiedelung die Mittel zu Ameliorationen erhalten und in die Lage versetzt werden, die Bearbeitung der ganzen Parzelle sogleich in Angriff zu nehmen. 4. Die gesamte Arbeit soll von den Kolonisten selbst ohne Zuziehung von Lohnarbeitern geleistet werden. 5. Die Organisation der Arbeit darf nicht, wie in den Genossenschaften, das Familienleben behindern. Auf dieser Grundlage schlägt Joffe Siedlungen selbständiger, selbstarbeitender Kleinbauern vor, r) Moschawe owdim. Jaffa 1920. von denen jeder seine eigene gemischte Wirtschaftführt. Das bedeutet die Abkehr vom Gedanken der Produktivgenossenschaft; die einzelnen Siedler sind nur mehr zu einer freien Produzentengenossenschaft verbunden. Die Einzelheiten dieses Planes sollen hier nicht besprochen werden, sondern nur die Hauptidee, die ihm wesentlich seinen Charakter aufdrückt. Dies ist die Idee der extremen Autarkie. Der Kolonist soll alle seine Bedürfnisse selbst decken, sogar einen Teil seines industriellen Bedarfes, indem er in der freien Zeit sich industriell betätigt. Er soll auf den Markt nur Überschüsse seiner Wirtschaft bringen und auch diese nicht in Form von Pflanzenstoffen, sondern von gezüchtetem Vieh. Wovon dann die Städter leben sollen, wenn sie weder Gemüse noch Brot von der Palästina- Landwirtschaft geliefert bekommen, interessiert unseren Verfasser nicht. Diese Schmarotzer mögen zusehen, wie sie sich einrichten. Palästina soll nicht exportieren. Womit aber das Eisen für die landwirtschaftlichen Maschinen, das Chinin gegen Malaria und die Kohle für den Hausbrand bezahlt werden sollen, darüber scheint sich der Verfasser den Kopf nicht zerbrochen zu haben. Da der Kolonist alles selbst produzieren soll, so braucht er ein größeres Areal dazu, nämlich 100 Dunam, ein Areal, das im Vergleich zu dem jetzt in Palästina üblichen als klein bezeichnet werden kann, im Vergleich aber zu der von uns anzustrebenden Intensität viel zu groß ist. Joffe will mit Hilfe seiner Siedlungen ein gesundes, vom Geiste des Händlertums völlig freies Judentum erziehen. Außerdem will er damit auch in politischer Beziehung für den Weltfrieden wirken. Er ist gegen Export, weil Export und Konkurrenz seiner Ansicht nach die Quelle aller Kriege sind. Diese Meinung ist zum mindesten sehr bestritten. Die gegenwärtig noch wirkenden Anhänger der Freihandelsschule in Deutschland, etwa Brentano und Alfred Weber, sind noch jetzt der Überzeugung, daß gerade von einer durch Zölle unbeengten schrankenlosen Konkurrenz der verschiedenen nationalen Wirtschaften die Pazifierung der Welt zu erwarten und die Nichtdurchführung der freihändlerischen Idee in ihrer ursprünglichen Reinheit die Ursache der eingetretenen Kriege ist. Abgesehen von solchen umstrittenen Gedankengängen findet sich auch manche veraltete Meinung in Joffes Buch. So stellt er die längst als falsch erwiesene Forderung auf, daß dem Lande möglichst alle Nährstoffe zurückgegeben werden sollen, die ihm auf dem Wege der Bearbeitung entnommen wurden. Die Idee der gemischten Wirtschaft ist als Reaktion gegen die in Palästina sehr oft über-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.