Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Kolonisation
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 179 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Sozialismus 179 triebene Einseitigkeit der Kulturen recht begreiflich. Doch muß immer festgehalten werden, daß, wenn wir in Palästina eine größere Anzahl von Juden ansiedeln wollen, wir auf die Intensität des Anbaues, durch die man die größtmögliche Verringerung des für die einzelne Kolonistenwirtschaft gebrauchten Areals erzielt, nicht verzichten können. Eine solche hat aber zur Voraussetzung die Spezialisierung der Kulturen« Wie man die Schattenseiten dieser Spezialisierung (leichtes Eintreten von Krisen) abschwächen kann, soll ein anderes Mal behandelt werden. Nathan ben-Nathan SOZIALISMUS Jüdischer Sozialismus. Wenn wir von Sozialismus sprechen, dann dürfen wir nicht vergessen, daß es Sozialismus als Wirklichkeit nicht gibt, noch nicht gibt Sozialismus ist ein Ziel. Was davon in der Gegenwart besteht, ist lediglich die Tendenz zu diesem Ziel; sie manifestiert sich im sozialistischen Geiste, der da und dort aufleuchtet und in besonderen Zeiten zu einem Brand zusammenschlägt, und — in einem gewissen Sinne — in der sozialen Bewegung, die als konstanter Strom durch die neuere Geschichte geht, Träger der sozialen Bewegung ist das „Proletariat", worunter der Hauptsache nach die Arbeiterschaft der Industrie und des Transportes mitsamt den Handelsangestellten der größeren Städte zu verstehen ist, zu weichen Bestandteilen beim „jüdischen Proletariat'* noch ein starker kleinbürgerlicher Einschlag hinzukommt. Die Eignung zum Träger der sozialen Bewegung erhält das Proletariat aus seiner psychischen Einstellung zum kapitalistischen Wirtschaftsprozeß, der es revolutionierenden Einflüssen am leichtesten zugänglich macht. Die revolutionierenden Einflüsse kommen aus der sozialistischen Ideologie*), — umgekehrt ist diese auch der Ausdruck revolutionärer Bestrebungen. So umfaßt sozialistische Ideologie zweierlei: Erstens die ihr Eigendasein führende sozialistischeTheorie, wie sie von Menschen spezifischen Genies und Talentes geschaffen und weitergeführt wird, zweitens den manifesten Ausdruck der Strebungen der sozialistisch gerichteten Arbeiterbewegung, wie er in ihren Programmen, ihren *) Die soziale Bewegung des jüdischen Proletariats behandelt Berl Locker in dieser Umschau in der Rubrik „Jüdische Arbeiterbewegung", wogegen hier die „sozialistische Ideologie" zur Sprache kommen wird, soweit sie, in weiter unten dargelegtem Sinne, ein jüdisches Spezifikum besitzt. Parteizeitungen und den Enunziationen ihrer führenden Parteimänner sich ausspricht Dabei entnimmt natürlich diese sozialistische Parteiideologie ihre Begriffe und Konstruktionen der sozialistischen Theorie, indem sie sie soweit simplifiziert, daß sie der Not des Tages ein Schema bieten, mit dessen Hilfe die gerade aktuellen Probleme im Sinne der Partei bewältigt werden können. — Daher kann man also von jüdischem Sozialismus sprechen: Erstens insoweit, als sich unter den Bestimmungselementen jener sozialischen Theorie eines befindet, das als spezifisch jüdisch bezeichnet werden kann — und dies ist jedenfalls die physiologisch oder psychologisch*) jüdische Determiniertheit des Urhebers dieser Theorie. Zweitens ist jüdischer Sozialismus die Parteiideologie der jüdischen (sozialistisch gerichteten) Arbeiterbewegung. — Somit liegt z. B. der Marxismus im Bereiche dieses Gesichtsfeldes, weil Marx Jude war, ebenso aber auch weil der Marxismus dem weitaus überwiegenden Teile der jüdischen Arbeiterbewegung die. Parteiideologie liefert. Jedoch kann damit noch nicht auf eine gemeinsame Wurzel geschlossen werden, denn nicht das spezifisch Jüdische an der jüdischen Arbeiterbewegung knüpft sie an Marx, sondern vielmehr das, wodurch sie Arbeiterbewegung schlechtweg ist Wenn es aber so etwas gibt, wie einen „jüdischen Geist", so muß auch der Marxismus (wenn auch vielleicht nicht in seiner Gänze, sondern nur nxt einem Teilgebiete) sowohl aus dem einen, als auch aus dem anderen Grunde als eine seiner Manifestationen angesehen werden. Dieser „jüdische Geist" im Sozialismus kann nur induktiv, aus den Erscheinungsformen des „jüdischen Sozialismus" bestimmt werden, die, vor aller Untersuchung, als gleichberechtigt hingenommen werden müssen. Dann erst wird sich zeigen, was sein Wesen ausmacht und was lediglich Akzidenz ist. Aber auch eine auf solchem kritischen Wege gewonnene Feststellung hat lediglich erkenntnisästhetischen Wert und keine verpflichtende Kraft, und man darf nicht glauben, daß man durch die Feststellung etwa, „der Marxismus sei dem Geiste nach nicht jüdisch", ihm innerhalb der jüdischen sozialistischen Bewegung auch nur im geringsten Abbruch tun kann. Denn es wird mit Recht verlangt, daß man nachweise, der Marxismus sei nicht sozialistisch, oder er versage gegenüber den Prob!emen der jüdischen Existenz. Denn wenn man damit nichts weiter meint, als er entspräche nicht der jüdischen Psyche — nun, *) Physiologisch durch* Rassenzugehörigkeit, psychologisch durch Geistestradit-on, 12*