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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 177

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Kolonisation
Date
1920-01-01
Page
177 (sequence 6)
Language
German
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Umschau: Kolonisation 177 vorhanden ist, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Diesen beiden Forderungen entspricht die Broschüre von Dr. S. E. Soskin: „Kleinsiedlung und Bewässerung"*), welche ebenso wie die Studie von Jacob Oettinger unter demselben Vorbehalt von der JNF-Bibliothek herausgegeben worden ist. Was den Inhalt dieser Broschüre angeht, verweise ich auf deren Besprechung durch Adolf Böhm im „Juden" 1920, Heft 1. Das Buch hat allenthalben das Lob gefunden, das es infolge seiner vielen und wertvollen Anregungen in reichem Maße verdient Indessen sind auch einige kritische Bemerkungen im Interesse der Sache dringend erforderlich. Zunächst über den Untertitel: Die neue Siedlungsform für Palästina. Es war ein sehr beklagenswerter Fehler der Vorkriegs-Kolonisation, wenn man sich oft über die Tatsache hinwegsetzte, daß es für ein an klimatischen Kontrasten so reiches, in seiner Bodenbeschaffenheit so verschiedenartiges und in bezug auf Arbeitsbedingungen noch in den Anfängen der Entwicklung, steckendes Land wie Palästina keine einzige für das ganze Land gültige Siedlungsform geben kann. Wir haben in der Palästina-Kolonisation immer wieder mit Perioden einer übertriebenen, voreiligen Inangriffnahme und einseitigen Pflege von einzelnen Kulturen zu tun gehabt. Rückschläge und Krisen waren stets die unausbleibliche Folge.- Auf die Zeit der Weingärtenperiode, in der nur noch Weingärten gepflanzt wurden, folgte eine Zeit, in der große Teile der bepflanzten Fläche wieder ausgerodet werden mußten. Es folgte die Periode der Begeisterung für die Orangegärten, Als auch hier die Krisis nicht ausblieb^ ähnelten eine Zeitlang die Straßen Petach-Tikwas einer ä la hausse und ä la baisse spekulierenden Winkelbörse. In diesen Tagen wechselte mancher Orangegarten täglich seinen Besitzer. Dann kam die Zeit der Mandelkultur. Soll nun auch die Gemüsekuitur ein Glied dieser Reihe werden? Eine Enttäuschung bilden die Methoden, mit denen Dr. Soskin arbeitet und mit Hilfe derer er zu seinen Schlüssen und Folgerungen kommt. Sie erinnern zu sehr an die Berechnungen und Methoden der Weingärten- und Orangepropheten. Wie sie, arbeitet Soskin nicht mit wirklichen Berechnungen und genauer Kenntnis der Verhältnisse und der Zusammensetzung der einzelnen Böden Palästinas, der verschiedenen Klimata dieses Landes, der vorhandenen Ab- *) Kleinsiedlung und Bewässerung. Die neue Siedlungsform für Palästina. Nationalfonds-Bibliothek. Herausgegeben vom Hauptbureau des JNF. Den Haag 1920. Heft 3. satzwege und der Absatzmärkte für Gemüse, sondern nur mit Hilfe von Analogien mit anderen Ländern, die ein ähnliches Klima haben und unter ähnlichen Bedingungen produzieren. Auffallend ist es, daß Soskin in seiner Broschüre alle bisherigen Versuche des Gemüseanbaues in Palästina, so vor allem die in Bethania angestellten, wie auch die Erfahrungen der gemüsebauenden Arbeitergenossenschaften völlig ignoriert. Die Tatsache, daß eine ganze Anzahl von solchen Genossenschaften ihren Gemüsebau wegen der schlechten Absatzverhältnisse aufgeben mußten*), dürfte auch für die Soskinschen Pläne von Bedeutung sein. Bei dieser Frage des Absatzes erheben sich gegen Soskins Projekt auch Bedenken vom weltwirtschaftlichen Gesichtspunkt her. Der Verfasser steht, ohne es ausdrücklich zu sagen, auf dem Standpunkt einer extrem durchgeführten Arbeitsteilung der verschiedenen nationalen Wirtschaften, Er behandelt aber nicht die Aussichten, die eine solche weltwirtschaftliche Struktur in der Zukunft hat. Es scheint sich gerade im Gegenteil, durch den Krieg angeregt, überall ein Streben nach nationaler Autarkie in bezug auf landwirtschaftliche Produkte zu äußern. Dazu kommt noch die Veränderung des wirtschaftlichen Weltbildes für die nächsten Jahrzehnte. Die Verarmung Rußlands und Zentraleuropas hat eine Verkleinerung des Absatzmarktes für Frühgemüse zur Folge. Das wird die Schwierigkeiten der Einreihung eines einseitig Gemüse produzierenden Palästina in die Weltwirtschaft noch erhöhen. Trotz dieser Einwände muß die Broschüre der aufmerksamen Lektüre jedes Zionisten empfohlen werden. Sie ist — und das ist ihr großes Verdienst — die erste, die das Lebensproblem der Palästina-Kolonisation, die Intensivierung der Landwirtschaft, behandelt. Dabei muß zwar der Natur der Sache nach vieles noch lediglich allgemeine Anregung bleiben und der konkret erschöpfenden Behandlung entbehren. Indes ist unter den heutigen Verhältnissen Soskin daraus kein Vorwurf zu machen. Einer der Hauptzwecke seines Buches ist ja, die Wege für die genauere Durchforschung dieses Gebietes zu ebnen. Es wird Sache der jungen zionistischen Wissenschaftler und Praktiker sein, den in diesem Büchlein angeschnittenen Problemen ihre Kraft zuzuwenden und sie in einer Reihe von Monographien, die zur Vorbereitung der Palästina-Arbeit dringend erforderlich sind, durchzuarbeiten. Den stärksten Gegensatz zu Soskin bildet das •) Siehe darüber im „Hapoel Hazair" 1920 die Berichte über die Absatzmärkte für Gemüse in Damaskus. 12

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