Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Kolonisation
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 176 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Umschau: Kolonisation zu heben und anderseits der Landwirtschaft den für sie nötigen Arbeiterstand zu sichern. Doch dies war nur Schein. Die Besserung seiner Lage bezahlte der Häusler mit einer viel größeren wirtschaftlichen Abhängigkeit von seinem Arbeitgeber, dem Grundbesitzer, da er durch seinen Besitz an seine Umgebung gekettet war und nicht besserer Arbeitsbedingungen wegen seinen Wohnort wechseln konnte. Durch auswärtige Arbeit wird der Häusler an der richtigen Ausnutzung des erhaltenen Bodens verhindert. Er wird verleitet, einen Viehstand zu halten, den er nicht ernähren kann, und unterliegt nur zu oft der. Versuchung, das nötige Futter sich auf unrechtmäßigem Wege durch Entwendung zu verschaffen. Werden die Häusler in ganzen Kolonien angesiedelt, so bilden sie die berüchtigten Diebsnester und Scholienkleberdörfer und sind sich selbst und der Nachbarschaft eine Last. Aber auch dem Grundbesitzer konnte die Häuslerkolonisation nicht zum Segen werden. Mit der fortschreitenden Radikalisierung der Landarbeiter vermochte sie die Verschärfung der Arbeiterfrage auf dem Lande nicht zu verhindern. Auf meiner Studienreise in Deutschland im April dieses Jahres besuchte ich ein Gebiet, wo die Häuslerkolonisation besonders gut gelungen ist (Mecklenburg-Schwerin). Trotzdem klagten mir alle Bauern, mit denen ich sprach, über die sich von Tag zu Tag verschlimmernden Beziehungen zu den Arbeitern. Nach ihrer übereinstimmenden Meinung bildet die Landarbeiterfrage die Lebensfrage ihrer Betriebe. Sie sehen alle einer schweren Krisis entgegen. Nicht viel besser, wenn auch noch nicht so zugespitzt, sind die Verhältnisse in allen anderen Staaten in den Gebieten, in denen nicht der kleine Bauer vorwiegt, sondern die Lohnarbeit unentbehrlich ist Einst sprach der römische Staat, um den Grundbesitzern den Arbeiterstand zu sichern und die Landwirtschaft vor Zusammenbruch zu bewahren, die Schollenpflichtigkeit des kleinen Bauern und des Landarbeiters aus. Der moderne Staat wird vielleicht den entgegengesetzten Weg gehen müssen, um einen katastrophalen Zusammenbruch seiner Landwirtschaft zu vermeiden. Er wird den Grundbesitz zerschlagen und ihn dem Bearbeiter des Bodens ausliefern müssen. Was also den europäischen Staaten mit ihrem eingesessenen konservativ gerichteten Landarbeiterstand mißlungen ist, das will Ruppin mit kleinen Abänderungen mit den radikalen jüdischen Arbeitermassen Rußlands und Galiziens erzielen, nämlich eine Landwirtschaft einführen, welche zu großem Teil auf Lohnarbeit beruht. Wobei nicht zu vergessen ist, daß der jüdische Arbeiter noch eine schwere, an Opfern und Entbehrungen reiche, mehrere (an die acht) Jahre dauernde Anpassungsperiode durchmachen muß, bevor er als Häusler angesiedelt werden soll. Und das alles, um den Rest seines Lebens zu einem überwiegenden Teile fremden Boden zu bearbeiten. Ruppin kommt zu diesen Vorschlägen nur, weil sein Palästina, welches er anstrebt und welches ihm beim Verfassen seiner Aufbaupläne vorschwebte, die Nachbildung irgendeiner beliebigen europäischen Wirtschaft sein soll. Er erstrebt keine neue Gemeinschaft auf erneuten menschlichen Grundlagen. Zu seiner Entschuldigung könnte vorgebracht werden, daß er als Praktiker nicht doktrinär sein wollte. Man darf aber das Wort doktrinär nicht mißbrauchen. Manchmal ist gerade das Streben, an schon irgendwo und irgendwie vorhandenen Vorbildern festhalten zu wollen, weil man sich von noch unverwirklichten sozialen Gebilden auszugehen scheut, erst recht doktrinär, eben weil man dabei nicht genügend denjenigen Kräften und Elementen Rechnung tragt, mit denen man das neue Werk vornehmen muß. Ein Ziel gemäß der Notwendigkeit der Gegebenheiten, die für die Palästina-Kolonisation entscheidend sind, zu formen, kann auch dann praktisch sein, wenn es kein schon vorhandenes soziales Gebilde zum Vorbild haben kann. Wie eine auf sozialen Grundlagen beruhende Gemeinschaft zu finanzieren ist, ist ein Problem für sich. Eines aber hätte sich Ruppin sagen sollen, daß man mit unsern Massen und ihrer auf ein neues soziales Leben gerichteten Psyche ein Palästina, wie er es erstrebt, nicht aufbauen kann. Man soll uns nicht entgegenhalten, daß jüdische Arbeiter auch nach Amerika wandern, wo sie in den Schwitzstätten ausgebeutet werden. Zu der Arbeit in den Schwitzstätten braucht der Arbeiter nicht die langjährige Umstellung seines ganzen Menschen wie beim Übergang zur Landwirtschaft, deren Gelingen das Vorhandensein eines großen Idealismus voraussetzt. Die Verwirklichung eines Teiles der Ruppinschen Pläne, so vor allem seiner Pflanzungskolonien, würde ein Vermehren des Petach-Tikwa-Kolonietyps bedeuten, d. h. eine Stärkung der unjüdischen Arbeit und die Verdrängung der jüdischen. Vom Geiste des Opportunismus ist auch der ganze sozialreformerische Teil des Ruppinschen Buches durchdrungen. Zweierlei müßte unseres Erachtens als Grundlage der jüdischen Kolonisation in Palästina dienen: a) die größtmöglichste Intensivierung als Vorbedingung für die gesteigerte Aufnahmefähigkeit Palästinas, b) die möglichste Ausschaltung der Lohnarbeit — denn der Aufbau einer Landwirtschaft, bei dessen Beginn eine moderne Landarbeiterfrage schon