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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 175

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Kolonisation
Date
1920-01-01
Page
175 (sequence 4)
Language
German
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Umschau: Kolonisation 175 politischen Konstellationen vollends ihres Wertes als Wegweiser für die Zukunft beraubt. Es taten sich weite Perspektiven auf; die neue Situation fand aber die zionistischen Führer und Wissenschaftler recht unvorbereitet, sie konnten ihre Einstellung auf Vorkriegsmethoden nicht gleich überwinden. Die Unsicherheit der Führer teilte sich den Massen mit und erfüllte sie mit einer leicht begreiflichen Erregung. Der Wirrwarr wurde durch die häufig unsachliche Öffentliche Diskussion noch vergrößert. In dieser fassungs- und richtungslosen Zeit erschien das Werk von Arthur Ruppin*), das ein Plan für den Aufbau Palästinas sein soll und demgemäß den ganzen Komplex der mit der Palästina-Kolonisation zusammenhängenden politischen und kolonisatorischen Fragen behandelt. Die begeisterte Aufnahme, die dieses Werk bei allen Rezensenten bis jetzt gefunden hat, erübrigt es hier, nochmals seine positiven Seiten hervorzuheben. Nur eins sei gesagt: Ruppin ist das, was er als Ziel seines Buches im Vorwort bezeichnete, vollständig gelungen, nämlich eine brauchbare Grundlage für die Diskussion zu schaffen. Wie hoch dieses scheinbar bescheidene Ziel zu werten ist, begreift man erst, wenn man sich den ungeheuer ausgedehnten Komplex der verschiedenen komplizierten Fragen vergegenwärtigt, die Ruppin in seinem Werk behandelt. Es ist nur zu sehr begreiflich, daß diese Reichhaltigkeit auch die Schattenseite des Buches bilden muß. Denn es ist für einen einzelnen ein Ding der Unmöglichkeit, auch wenn er, wie Ruppin, über ein eminentes Wissen, reiche Erfahrung und außerordentliche Verstandesgaben verfügt, eine Aufgabe wie die der Aufstellung eines Planes für die Schaffung einer vielseitigen, neuen Gemeinschaft befriedigend zu lösen. Dies wäre die Aufgabe eines ganzen Kollegiums von Gelehrten und Praktikern aus den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft und des praktischen Lebens. Daß Ruppin trotzdem diese Arbeit unternommen hat, ist eine verdienstvolle Tat, da wir noch lange auf ein solches Kollegium warten müßten. Es wäre vermessen, sich über das ganze Buch in allen seinen Teilen äußern zu wollen. Der Finanzmann müßte sich zu den Fmanzplänen von Ruppin äußern, der Politiker Stellung nehmen zu Ruppins Plänen einer politischen Organisation, der Kolonisator zu seinen landwirtschaftlichen und agrarpolitischen Vorschlagen. Auf einen bestimmten Teil des Rup- Pmschen Buches (auf die Agrarpolitik) werde ich 1^nderen Zusammenhängen eingehen. Dies- W? Aufbau des Landes Israel. Ziele und T*?if6?er J?dischen Siedlungsarbeit in Palästina, Judischer Verlag i9r9, Berlin. mal soll nur von den Zielen, die Ruppin in seinem Buche aufstellt, einiges gesagt werden. Denn sie zeigen, daß Ruppin, der langjährige Leiter unserer Kolonisationsarbeit in Palästina, ein Palästina erstrebt, welches unserer Jugend, der Trägerin des Aufbaues, innerlich fern bleiben muß. Ruppin schwebte als Ideal eine Gesellschaft vor, wie sie in irgendeinem in bezug auf soziale Reform und innere Kolonisation fortgeschrittenen europäischen Lande zu finden ist. Es ist aber eine fatale Kurzsichtigkeit, sein Ideal einer Welt zu entnehmen, die historisch aus gewissen Gegebenheiten entstanden ist und die in sich schon den Keim eines baldigen Unterganges trägt. Dies ist um so falscher, wenn man das neue Gemeinwesen mit Menschen aufbauen will, welche aus derselben von Ruppin zum Vorbild gewählten Welt kommen, die sie aber verworfen haben. Die Kompromisse, welche Ruppin zwischen dem Geiste eines kapitalistischen Palästina, wie er es anstrebt, und den ausgesprochenen Forderungen der Jugend und der Arbeiterschaft im Zionismus schließen will, sind sehr lau und nicht imstande, die Frage endgültig zu lösen. — Nicht um die Priorität von Nationalismus oder Sozialismus handelt es sich hier, sondern um einen Nationalismus der Jugend und der Arbeiterschaft, der seinem innersten Wesen nach so sozial ist, daß er sich nicht mit den Ruppinschen Plänen abfinden kann. Man komme aber nun nicht mit der Behauptung, man müsse „praktisch sein**. Praktisch sein heißt Mögliches wollen und anstreben. Ist aber z. B. eine Landwirtschaft in Palästina möglich, in der nur oder fast nur selbstarbeitende jüdische Landwirte tätig sind (und dies ist möglich), so war Ruppin unpraktisch, weil er ein Ziel erstrebte, das unerreichbar ist, nämlich eine Landwirtschaft mit jüdischer Lohnarbeit. Es verlohnt sich, hier ein paar Worte über die Lohnarbeit in der Landwirtschaft der europäischen Länder zu sagen, die Ruppin als Vorbild vorschwebt. In Europa entstand der Lohnarbeiterstand durch politisch-wirtschaftliche Maßregeln, wie das Bauernlegen und die Bauernbefreiung. Durch diese Maßregeln wurde ein landloser Arbeiterstand geschaffen, welcher den Grundbesitzern auf Gnade und Ungnade ausgeliefert war. Als durch die moderne industrielle Entwicklung dem Landarbeiter die Möglichkeit gegeben wurde, dem Drucke der Grundbesitzer und ihrer Ausbeutung durch Abwanderung in die industriellen Städte auszuweichen, gestaltete sich die Lage in der Landwirtschaft sehr kritisch. Die herangezogenen fremden Arbeitskräfte reichten nicht aus. Der Staat griff mit Arbeiteransiedlung und Gründung von Häuslerstellen ein. Wohl schien diese Maßregel einerseits den landlosen Arbeiter

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