Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Kolonisation
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 174 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Umschau: Kolonisation Oettinger geht in seiner Studie von einem an sich sehr wichtigen Satz aus: daß die Kolonien sich -organisch entwickeln müssen, so daß ein organischer Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Landes und der Entwicklung der Kolonisation vorhanden sein muß. Denn nur auf solche Weise können gefährliche Rückschläge und schwere Krisen vermieden werden. Oettinger weiß aus Erfahrung, wie sehr gerade gegen dieses Prinzip in Palästina gesündigt wurde. Er wählte eben deswegen Typen, welche sich in einer normalen Beziehung zu den gegenwärtigen Absatzwegen und Absatzmärkten im Lande und der damaligen Aussicht auf die Eröffnung von Absatzmärkten außerhalb des Landes befanden. Oettingers vermeintliche Schuld ist, daß er die Möglichkeit einer rapiden Entwicklung des Landes nicht in Betracht zog. Er glaubte, wie es scheint, auch nicht an die Möglichkeit einer plötzlichen Umwandlung, und die Nachrichten über die Verhältnisse in Palästina seit der britischen Besetzung scheinen seinen Zweifeln recht zu geben, wenn auch hoffentlich nicht für lange Zeit. Oettinger befaßt sich in seiner Studie nur mit der landwirtschaftlichen Kolonisation, was ebenfalls charakteristisch ist für die Zeit, in der die Studie geschrieben wurde. Die Oettingerschen Wirtschaftstypen, wie sie in seiner Studie in Vorschlag gebracht werden, sind mit allen ihren Schwächen und Schattenseiten zur Genüge bekannt. Es sind ihrer nicht wenig. Unverhältnismäßig großer Bedarf an Bodenfläche für die einzelne Kolonistenwirtschaft, die völlig ungenügende Intensität der Wirtschaftstypen, deren daraus folgende mangelnde Rentabilität, die großen Unterschiede in der Betriebsgröße der Kolonistenwirtschaften und die Notwendigkeit der Lohnarbeit in der Mehrzahl seiner Kolonien. Dazu kommt in der Arbeit von Oettinger die mehr als oberflächliche Behandlung der Arbeiterfrage und ihre sehr kurzsichtige Lösung durch die Ansiedlung von Häuslern — eine Methode, die in anderen Ländern völliges Fiasko erlitten hat. Was die hie und da vorkommende Konfusion in den Berechnungen angeht, so ist ihre Bedeutung für die Resultate, zu denen Oettinger gelangt, maßlos übertrieben worden. Ein Hauptverdienst kann aber Oettinger nicht abgestritten werden: er hat als erster versucht,, die Erfahrungen der bisherigen Kolonisation ziffernmäßig zu erfassen und zu verwerten. Bis zum Erscheinen der Oettingerschen Studie fehlte es vollständig an irgendwelchen ziffernmäßigen Angaben über die tatsächlichen Wirtschaftskosten wie auch die tatsächliche Rentabilität der in Palästina zurzeit vorherrschenden Wirtschaftstypen. Alle Pläne bauten sich auf Vermutungen auf und arbeiteten somit ins ungewisse und unsichere hinein. Für alle Berechnungen, die angestellt werden mußten, wurden immer wieder willkürliche Zahlen angenommen, wodurch den Berechnungen jeder praktische Wert genommen wurde. Oettingers Verdienst ist es, zum ersten Mal auf Grund von Aufzeichnungen, die er in seinen Notizbüchern während seiner langjährigen Praxis in- und außerhalb des Landes gesammelt hatte, Berechnungen aufgestellt zu haben, die überhaupt eine reale Grundlage für Zukunftspläne und Diskussionen schufen. Wer das Chaos kennt, das in dieser Beziehung bis zum Erscheinen der Oettingerschen Studie in der Palästina-Literatur herrschte, wird seine Leistung zu würdigen wissem Was Oettinger gibt, sind die Methoden und der Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina, wie sie früher waren und zum großen Teil jetzt sind. Seine Arbeit ist eine Zusammenfassung des Gewesenen, eine Zusammenfassung, ohne die man keine Diskussion führen kann, will man nicht den wilden Phantasieziffern der zionistischen Rechenkünstler verfallen. Die Oettingersche Arbeit muß deshalb noch jetzt zum Studium allen denen empfohlen werden, die sich mit der Palästina-Kolonisation befassen. Allerdings wird man dann zu einer Auffassung kommen, die Oettinger mit seiner Arbeit nicht beabsichtigt hat. Glaubte Oettinger uns auf Grund der Erfahrungen der Vergangenheit die früheren Methoden gewissermaßen verbessert als die Methoden der zukünftigen Arbeit in Palästina empfehlen zu können, so wird jeder, der die Arbeit aufmerksam durcharbeitet, zu einem entgegengesetzten Resultate kommen. Er wird die Einsicht gewinnen, daß eine Kolonisation, welche nichts anderes vermag, als mit riesigen Aufwendungen wirtschaftliche Existenzen wie den Oettingerschen Getreidebauer zu züchten, unvermeidlich Fiasko erleiden muß.... Ausführlich auf die einzelnen Vorschläge von Oettinger einzugehen, erübrigt sich hier in Anbetracht dessen, daß sie durch die Diskussion zur Genüge erörtert wurden. Es muß nur noch einiges über die Oettingerschen Zahlen gesagt werden. Sie sind durch den Krieg und die durch ihn hervorgerufene Umwälzung überholt. Ich glaube aber, wenn man ein annäherndes mehr oder weniger allgemeines Verhältnis zwischen den Vorkriegspreisen und den gegenwärtig in Palästina herrschenden sucht und die Zahlen, welche Oettinger bringt, mit dieser Verhältniszahl multipliziert, so könnte man die Kosten finden, mit denen man jetzt zu rechnen hat. Man würde dadurch ein klareres Bild der jetzigen Verhältnisse gewinnen. Die Oettingersche Studie wurde durch die neuen