Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Kolonisation
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 173 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Kolonisation *73 schiedensten Experimente landwirtschaftlicher, sozialer und gesellschaftlicher Natur war, beschäftigte sich die Palästina-Literatur nur sehr wenig mit einer wirklichen Begründung, kritischen Wertung und wissenschaftlichen Klärung der vorgenommenen Experimente. Bei der Vornahme der letzteren spielte die Empirie die ausschlaggebende Rolle, und Begeisterung ersetzte in den meisten Fällen die gründliche Vorbereitung der Experimente. Die Folge war häufiges Versagen, unnütze Vergeudung von Kraft und Geld, ungenügende Verwertung der Erfahrungen. Es scheint nun ganz anders werden zu wollen. Da wir eine zusammenfassende Übersicht der wichtigsten Erscheinungen auf dem Gebiete der Palästina-Literatur weiter unten zu geben beabsichtigen, so verlohnt es sich zunächst, ein paar Worte über die Maßstäbe zu sagen, welche an jede Arbeit über Kolonisation angelegt werden müssen. (Dies um so mehr, als in dieser Kolonisations-Umschau in der Zukunft auch Werke aus dem Gebiete der nichtjüdischen Kolonisation regelmäßig besprochen werden sollen.) Von einer Arbeit über ein bestimmtes Kolonisationsgebiet ist vor allem zu fordern, daß der Verfasser die nötigen Fachkenntnisse besitzt und die Fragen wirklich fachmännisch behandelt. Gesunder Verstand, der die Voraussetzung jeder Arbeit ist, genügt allein nicht. Theoretische Kenntnisse wie auch praktische Bildung sind unentbehrliche Voraussetzungen, wenn eine Arbeit wirklich von Wert sein soll. Diese an sich selbstverständliche Forderung muß doch hier unterstrichen werden in Anbetracht dessen, daß sehr häufig Männer über Kolonisation und Kolonisationsfragen schreiben, die diesen Voraussetzungen nicht entsprechen. Die zweite Forderung ist, daß, falls der Verfasser neue Formen und Wege in Vorschlag zu bringen gedenkt, er das auf dem Gebiete der von ihm behandelten Kolonisation schon Versuchte und Vollbrachte genau bis in die .Einzelheiten kennt. Als drittes muß eine richtige Auffassung der Ziele des Siedlungswerkes gefordert werden. Wer ein unrichtiges inneres Bild von den anzustrebenden Zuständen hat, wird auch das Vollbrachte nicht richtig werten und die nötigen Reformen nicht aufzeigen können. Von diesen drei Standpunkten aus wollen wir einige besonders bedeutende oder auch nur charakteristische Arbeiten auf dem Gebiete der neuesten Palästina-Literatur betrachten. In erster Reihe wenden wir uns der Studie v°n Jacob 0ettinger*) zu, die seinerzeit die *) Ing. Agr. Jacob Oettinger, Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästma. Nationalfonds-Bibliothek Nr. 3. Herausg. vom Hauptbureau des JNF. Haag 1916. Veranlassung zu einer recht hitzigen Diskussion gab, welche gerade in Deutschland außerordentlich viel Staub aufwirbelte und die Teilung der Zionisten dieses Landes in Minimalisten und Maximalisten zur Folge hatte. Zunächst einige Worte zur Aufklärung eines häufigen Mißverständnisses. Die Studie von Jacob Oettinger ist in der Nationalfonds-Bibliothek erschienen. Diese Bibliothek des JNF stellte sich zur Aufgabe, die Literatur über die Palästina-Kolonisation zu pflegen und ein Forum für Fachmänner der Kolonisation, welcher Richtung sie auch angehören mögen, zu sein. So gedacht, bildet die JNF- Bibliothek eine Ergänzung der demselben Zweck dienenden Zeitschrift „Erez Israel0, vom Hauptbureau des JNF im Haag herausgegeben. Weder die Leitung des"*JNF (sein Direktorium oder das Hauptbureau) noch die Leitung der Zionistischen Organisation identifiziert sich mit den in „Erez Israel" oder in den Büchern der JNF-Bibliothek vertretenen Ansichten, selbst dann nicht, wenn der Verfasser in den Diensten des JNF steht, wie es bei Oettinger der Fall war. Durch seine Publikationen verfolgt der JNF nur das Ziel, Fragen, die ihm wichtig scheinen, der öffentlichen Diskussion zu unterbreiten. Dieses unparteiische Verhalten zu seinen Publikationen unterstreicht die Leitung des JNF seit jeher, was jedoch keinen Zionisten hindert, immer von neuem in denselben Irrtum der Identifikation des JNF oder sogar der Leitung der Zionistischen Organisation mit den Anschauungen der Verfasser der in der JNF-Bibliothek erscheinenden Schriften zu verfallen. Dieser Irrtum trug seinerzeit auch sehr viel zur ungerechten Beurteilung der Schrift von Oettinger bei. Man kämpfte gegen die Leitung, bei der man das Verständnis für die großen Perspektiven zu vermissen glaubte, und schlug deshalb um so hitziger auf ihren vermeintlichen Propheten los. Die Ungerechtigkeit der Beurteilung bestand vor allem darin, daß man vergaß, daß Oettinger zu einer Zeit seine Studie verfaßte, in der man noch nicht die großen Perspektiven hatte, in der kaum mit einer umwälzenden Änderung der Verhältnisse in Palästina gerechnet wurde. Sehr viele Zionisten betrachteten damals das Vorkriegstempo der Kolonisation als das normale, und Oettinger erschien mit seiner Forderung der Schaffung von 30 neuen Kolonien mit einer anfänglichen Bevölkerung von 15000 Seelen binnen der nächsten 12 Jahre als sehr revolutionär. An ein noch intensiveres Tempo wagte man schon deswegen nicht zu denken, weil keiner an die Aufbringung genügend großer Mittel im Ernst dachte. Dazu fehlten sowohl die politischen Voraussetzungen als auch die seelische Einstellung des ganzen Volkes.