Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Kolonisation
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 172 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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UMSCHAU LEBEN UND BEWEGUNG KOLONISATION In seinem vorzüglichen Aufsatz über die preußische Kolonisation im 17. und 18. Jahrhundert stellt Schmoller den Satz auf, daß Völker nur in ihrer Blütezeit kolonisieren. Dieser Satz bedarf einer gewissen Ergänzung, nämlich Völker kolonisieren mit Erfolg nur in der Zeit ihrer Entfaltung. Mißlungene Kolonisationen wurden oft von Völkern zu den verschiedensten Zeiten ihrer Entwicklung unternommen, um dann wieder aufgegeben zu werden. Denn eine Kolonisation setzt die Fähigkeit und Kraft voraus, auf dem ganzen Komplex der Lebensgebiete einer neu zu begründenden Gemeinschaft schöpferisch aufbauend wirken zu können. Es genügt nicht, daß die Kolonisten die rein wirtschaftlichen und technischen Gebiete, wie Landwirtschaft und Industrie, beherrschen. Sie müssen imstande sein, auch ihr Leben in sozialer, gesellschaftlicher und anderer Hinsicht zu ordnen und aufzubauen. Um die komplizierten Aufbau-Probleme lösen zu können, muß die Gemeinschaft, welche die Kolonisation betreibt, die Gesamtheit ihrer intellektuellen und wirtschaftlichen Kräfte aufbieten. Im Begriffe „ Kolonisation*1 ist zugleich der Begriff eines geordneten, bewußten Vorgehens enthalten, Kolonisationen als Folge einer ungeordneten, ziellosen Hinüberwanderung von Massen von einem Gebiet in das andere verdienen eigentlich diesen Namen nicht. Sie sind Naturerscheinungen. Sie sind die Form, in der eine Gemeinschaft die Antwort auf irgendein an sie von außen herantretendes Problem gibt, kein bewußtes Auswirken der überschüssigen Kraft einer sozialen Gemeinschaft. Aber schon seit dem frühen Altertum versuchen die Völker und Staaten dieser Naturerscheinung Herr zu werden und in sie Sinn und Ordnung zu bringen. Das Ziel ihres organisatorisch-ordnenden Eingreifens ist und bleibt dasselbe: die Vergeudung von Kräften, welche jeder Naturerscheinung eigen ist, zu vermeiden, die Kräfte im gemeinsamen Streben auf ein bewußtes Ziel zusammenzufassen und so das Maximum des Erfolges zu erzielen, während die Opfer zugleich auf das unbedingt notwendige Minimum reduziert werden. Für die bewußte Durchführung einer Kolonisation ist das Vorhandensein einer Kolonisationsliteratur charakteristisch. Mögen die Formen der Kolonisationsliteratur noch so verschieden sein, mag sie zur Zeit der Kolonisation Afrikas durch die Römer aus Cäsarenverordnungen bestanden haben oder aus Klosterchroniken zur Zeit der ausgedehnten klösterlichen Organisation in Deutschland, aus Verwaltungsberichten und Rezessen zur Zeit der ausgedehnten fürstlichen Domanial-Kolonisation oder möge sie eine moderne wissenschaftliche Literatur sein, in einem bleibt sie sich zu allen Zeiten gleich. Sie begleitet die kolonisatorische Tat, verwertet ihre Erfahrungen und weist immer wieder auf das zu erreichende Ziel hin und sucht die geeignetsten Wege zur Erreichung dieses Zieles ausfindig zu machen. An der Art und dem Niveau der Kolonisationsliteratur können die guten oder schlechten Aussichten der betreffenden Kolonisation bis zu einem gewissen Grade beurteilt werden. So hat die parteiische und völlig ungenügende Literatur über die preußische Rentengutskolonisation viel zu deren Mißlingen beigetragen. (Siehe darüber das Büchlein von ten Hellen, Eulenspiegel als Kolonisator, Münster i. W. 1920.) Wir können es deswegen als ein günstiges Vorzeichen für die Kolonisation Palästinas betrachten, daß in den letzten Jahren die Literatur über diese Kolonisation nicht nur sich bedeutend vermehrt, sondern auch an innerem Wert unvergleichlich zugenommen hat. Vor dem Kriege hielt die Palästina-Literatur nicht mit der Palästina-Kolonisation Schritt. Während die letztere eine Sammlung der ver-