Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 170

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Arthur Ruppin
Date
1920-01-01
Page
170 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101167-3105341--3985-3105397
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Bemerkungen: Arthur Ruppin Daneben behielt er Gelegenheit, zu den Menschen in Beziehung zu treten: eine Schar von Menschen belagerte täglich sein Bureau und seine Privatwohnung, die alle bei ihm Rat und Unterstützung bei der Gestaltung ihres Lebens suchten. Wenn irgendwo im Lande etwas geschah — ein Feuer, ein arabischer Überfall, ein Streit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die Entgleisung einer Existenz —, wendete man sich an ihn. Und in wachsendem Maße begannen auch die geistigen Strömungen des Landes an ihn heranzufluten. Im Anfang hatte er den Geisteskämpfen ferngestanden, vielfach waren sie ihm fast komisch erschienen. Aber er gewöhnte sich immer mehr, in diesen Geisteskämpfen treibende Kräfte für das palästinensische Leben zu sehen und sie in seine Berechnungen einzubeziehen. Je mehr sich ihr Ernst ihm erschloß, desto wärmeren Anteil nahm er am Kampfe der Geister, ohne doch sich selbst zur einen oder der andern Partei zu schlagen. In seinen eignen Schöpfungen trat immer deutlicher zutage, daß es ihn zur Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit gegenüber egoistischen Tendenzen drängte. Aber noch nötigte ihn sein Temperament nicht, dort entscheidend einzugreifen, wo feindliche Tendenzen sich bemerkbar machten. Durch seine eigne Lebensführung bewies Ruppin, daß es ihm mit seiner sozialen Daseinsgestaltung heiliger Ernst war, und das war es, was ihm das persönliche Vertrauen der Menschen erschloß. Seine Zeit, seine Kraft empfand er als der Menschheit gehörig. Er nahm sich offenbar niemals Zeit, bei der Betrachtung seines Ich zu verweilen. Von harten Schicksalsschlägen, die ihn in Palästina trafen, ließ er sich nicht auf nennenswerte Zeit in seiner Arbeit hemmen. Alle Seiten seines Lebens, die drohen konnten, sein Empfinden kompliziert zu machen, schob er von sich. Er duldete es nicht, daß Tragik in sein Leben eingriff. Diese Flucht vor der Tragik war es, die ihn zum Verkehr mit den Menschen in Palästina so überaus geeignet machte. Er war der einzige im Lande, zu dem alle Kreise und Parteien Zutrauen haben. Zirkel, die sich als die „Honoratioren" des Landes und außerdem dem West juden an jüdischer Kultur überlegen fühlten, fügten sich seinem Urteil. Arbeiter, die von vornherein auf jeden Bourgeois mit Mißtrauen sahen, legten ihr Schicksal in seine Hand. Er wußte immer zwischen den Parteien zu schlichten und zu versöhnen. Auch hierbei half ihm sein etwas distanziertes Verhältnis zum Nebenmenschen. Gerade weil er nicht die ganze Problematik menschlichen und vor allem jüdischen Wesens empfindet, konnte er jedem für die Gestaltung seiner Existenz gesunde Ratschläge geben. Dazu kommt ein unbedingt demokratisches Empfinden, das ihn zu manchen Arbeitern in ein engeres Verhältnis brachte als zu Menschen seiner eignen Klasse. Er half allen, aber in die letzte Tiefe eines Menschen einzudringen, reizte ihn nicht. Er freute sich an der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen und begnügte sich mit dem Guten, auch da, wo es von Schlechtem begleitet ist — denn die Unzulänglichkeit der Welt wird ihm nicht zur Tragik. Er, der sich selbst des rechten Weges wohl bewußt ist, sieht interessiert den Wegen der andren zu. Aber keinen will er nach seinem eignen Bilde formen. In seiner Wesensart spricht sich deutlich erkennbar eine doppelte Erbschaft aus: jüdische Phantasie und deutsche Mäßigung. Die erste erfüllte ihn mit der Flamme des Ideals, die zweite hat ihm seinen Ordnungssinn, seine Korrektheit, sein systematisches Denken und Handeln gegeben. Sie aber ist es auch gewesen, die ihn lehrte, alles von sich zu weisen, was den Weg zur Ekstase nehmen könnte. Die Zukunft muß beweisen, ob sich hierin eine angeborene Kühle, ein — wohl auch von Deutschland geerbtes — Quantum Bürgerlichkeit ausspricht, das höchstem Geistesfluge den Weg verstellt. Oder ob es die in strenger Selbsterziehung erworbene Beschränkung einer Natur ist, die zur Steigerung ihrer Leistung genialische Kraft des Gefühls freiwillig zügelt. Die gleiche Anspruchslosigkeit, die Ruppin den Menschen gegenüber beweist, zeigt sich in dem Verhältnis zu dem Werke, an dem er in Palästina schuf. Tagtäglich erhielt er Beweise, daß das ganze Werk noch auf Sand gebaut war — so lose wie der Sand von Tel Awiw —, aber niemals entmutigte ihn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.