Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Arthur Ruppin
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 169 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Arthur Ruppin Sehnsucht nach einer neuen Welt Europa nicht mehr ertragen ließ, auch nicht aus abenteuerlichem Drang nach ungewöhnlichen Erlebnissen. Er ging, weil er in sich die Kraft spürte, Ungeordnetes zu ordnen, Gefährdetes zu verwalten. Daß sich ihm diese Aufgabe gerade auf jüdischem, auf zionistischem Gebiet darbot, machte sie ihm besonders wert, ließ ihn gern auf (ihm zweifellos bevorstehende) große Wirkungsmöglichkeiten in Europa verzichten, zugunsten einer Arbeit, auf deren unmittelbare Ergebnisse für das jüdische Volk er damals noch keine überschwänglichen Hoffnungen setzen konnte. Ein wenig, aber nur ein wenig lockte ihn wohl auch das Exotische des fremden Landes, in dem er Gefahren und Schwierigkeiten witterte, die seine Natur eher herbeiwünschte als scheute. In einer Beziehung sprach sich in seiner Übernahme des Amtes eine gewisse Naivität auö: er war, bis zu der vorangegangenen Studienreise nach Palästina, niemals mit östlichen Juden in nähere Berührung gekommen und wußte fast nichts von der jüdischen Psyche. Hierin eine entscheidende Hemmung zu sehen, hinderte ihn ein etwas loses Verhältnis zum einzelnen Menschen, das ihn die Schwierigkeit psychologischer Probleme gar nicht voll empfinden läßt. In Palästina fand er chaotische Zustände vor. Die Kolonisten waren demoralisiert, die Energie der Arbeiter verbrauchte sich in überreizten Ideen. Die bestehenden Unternehmungen waren unrentabel. Das Land war voll von enttäuschten Existenzen, und vor seinen Toren stand das weitere Heer der Enttäuschten, die keine Existenzmög- Hchkeiten für sich in Palästina sahen. Eine allgemeine Unordnung der Zustände fraß am Leben der Gemeinschaft. Arthur Ruppin begann sein Verwalteramt. Seinen kaufmännischen Fähigkeiten war bald Gelegenheit zur Betätigung gegeben: er gründete kommerzielle Institute, sanierte andre, die der Umgestaltung bedurften. Bald traten auch andre Aufgaben an ihn heran: die Menschen in Palästina hatten darauf gewartet, sich um Rat und Hilfe an eine maßgebende Stelle im * Lande wenden zu können. Nun kamen sie zum Leiter des Palästina-Amtes, und im Verkehr mit ihnen, von denen viele inbrünstig an ihr Ideal Glaubende und einige Märtyrer sind, wurde Ruppins menschliches und jüdisches Gefühl vertieft. Er lernte sein Amt erfassen nicht nur als Verwalter von Instituten, sondern als Verwalter einer Summe menschlicher Schicksale. Die von ihm eingerichteten Institute erwiesen sich als zweckmäßig; bei andern, die anfangs als unrentabel bekämpft wurden, zeigte sich später, daß sie unter einem höheren als dem kaufmännischen Gesichtspunkt von großer Bedeutung für das Land waren. Je mehr Menschen und Gruppen sich an ihn wendeten, desto breiter wurde der Kreis seiner Tätigkeit, desto höhere Anforderungen stellte sie an die Vielseitigkeit seines Verstandes. Auf allen Gebieten eines — nennen wir es der Anschaulichkeit halber: kleinen Staatswesens mußte er Bescheid wissen, denn alle Fäden liefen in seiner Hand zusammen. Die Einwanderer, die mit jedem Schiff im Hafen von Jaffa anlangten, mußte er in einer für jeden einzelnen geeigneten Weise unterbringen. Die Pläne der Fachleute wurden ihm zur Begutachtung vorgelegt Außer über die von ihm selbst geschaffenen mußte er eine Kontrolle über die bestehenden agrikulturellen, industriellen und kommerziellen Institute ausüben, neue schaffen, alte abschaffen. Die Möglichkeit zu günstigen Landkäufen hatte er beständig im Auge zu behalten, um im rechten Augenblick zu handeln. Er überwachte die Bestrebungen zur Herstellung günstiger Beziehungen zu den Arabern, verkehrte mit den Behörden, gab Einzelnen und Gesellschaften im Auslande Auskünfte, wies ihrem Wirken im Lande selbst Wege, kontrollierte auf das Ausland gerichtete Propaganda. Vom Übersichtsplan einer Kolonialanlage bis zum Plan einer Wasserpumpe, von den Körnern einer zur Aussaat bestimmten Getreidesorte bis zu den Statuten einer Fachvereinigung ging jede technische Einzelheit durch seine Hand. Er leistete Arbeiten selbst, die andre ihm hätten abnehmen können und mögen. Es geschah aus einem ungeheuren Verantwortlichkeitsgefühl heraus, aber die andren, die sich zur Untätigkeit verurteilt sahen, legten es ihm mitunter als Ehrgeiz aus.