Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Arthur Ruppin
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 171 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101167-3105341--3986-3105398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Bemerkungen: Arthur Ruppin 171 dieses Bewußtsein. Er schuf, was der Tag von ihm forderte, ohne das Werdende fortwährend am Bilde des letzten Zieles zu messen. Vielleicht war seine Stütze die Ahnung, daß eines Tages eine jähe Wendung der Dinge eintreten würde. — Als er nach sechs Jahren der Arbeit in Palästina zum erstenmal vor äie zionistische Öffentlichkeit trat, um in einem streng sachlichen, durch keinerlei Rhetorik ausgeschmückten Bericht über seine Tätigkeit Rechenschaft abzulegen, zeigte sich, daß der Versuch, den man mit Arthur Ruppins Berufung gemacht hat, in vollem Maße geglückt war: ein neuer Typ war in ihm herangereift. Nicht lange nachdem er — durch das Vertrauen der jüdischen Öffentlichkeit in seiner Autorität gestärkt — auf seinen Posten zurückgekehrt war, trat die Katastrophe ein: der Weltkrieg flammte auf, und das palästinensische Werk war vom Untergang bedroht. In Palästina selbst wie in der Leitung zionistischer Institute in Europa wollten viele die Flinte sofort ins Korn werfen. Da bewies sich deutlicher als je zuvor Ruppins Überlegenheit. Zum großen Teile dank seiner Tatkraft gelang es, das Bestehende zu erhalten. Schicksalstücke riß ihn, dessen Einfluß im Lande türkischen Behörden störend war, im Augenblick höchster Not mitten aus seiner Arbeit heraus. Als er ging, bemächtigte sich des Landes eine verzweifelte Stimmung, und die Lücke, die durch sein Fortgehen entstand, schloß sich in den kommenden Jahren niemals. Aber der Krieg brachte neben der vorübergehenden Zerstörung des begonnenen Werkes auch den jähen Umschwung, auf dessen Kommen der Zionismus in gläubigem Vertrauen gewartet hatte: er schuf die politischen Grundlagen für eine Verbreiterung der Kolonisationsbasis um das Vielfache ihrer früheren Ausdehnung. Eine neue Zeit für den Zionismus bricht heran. Es gilt nicht mehr, die Massen in der Diaspora zu wecken und ihnen an Beispielen in Palästina zu zeigen, was später einmal erreicht werden kann. Es gilt, das Verheißene in vollem Umfange wahr zu machen. Dieses Verheißene aber ist: die Erschließung eines neuen Bodens und die Schaffung eines neuen Volkes — ein Werk von phantastischer Ungewißheit, das um so größer wird, als es in einer Zeit sich bietet, die sich nicht mehr mit der Gespaltenheit des Seins abrinden will, , andern zur Einheit einer nach Gerechtigkeit geordneten Gesellschaft strebt. Die Zeit der Revolutionierung, der prophetischen Vision ist vorbei; es beginnt die Zeit der Wirklichkeitsgestaltung.1 t? Damit ist auch der Augenblick für den neuen Führertyp gekommen. Nicht mehr der Zukunftsverkünder ist der Führer, der die Masse bewegt. Die Stunde gehört dem Gegenwartsgestalter. Die Aufgabe dessen, der nun die Leitung der neuen Gemeinschaft in die Hand zu nehmen hat, beschränkt sich nicht mehr auf die Verwaltung fremden Gutes. Es kommt nicht mehr darauf an, daß er jede Einzelheit selbständig regelt, jeden Einzelnen individuell behandelt. In ihm müssen die großen Richtlinien so lebendig sein, daß sie sich den andren mitteilen und von ihnen in den Details ausgeprägt werden. Des Führers Energie darf sich nicht in Kärrnerarbeit verzetteln, aber kraft seiner Intuition muß er andre so mitreißen, daß sie in seinem Geiste handeln. Eines Künstlers bedarf es, dessen Material die Masse, dessen Verstand der Regulator seiner Intuition ist. In dieser Stunde kehrt Arthur Ruppin in das Land zurück, das ihn sehnsüchtig erwartet. Sein Weitblick und seine Energie sind wertvolles Rüstzeug für einen, der eine Masse führen soll, seine Rechtlichkeit und Menschenfreundlichkeit Güter für einen, der sie zu einem guten Ziele führen soll. Das Leben aber, das nun für ihn beginnt, wird mehr als dies von ihm fordern: es wird die Einsetzung der letzten Liebeskraft fordern, die in ihm ist. Helene Hanna Cohn