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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 165

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Von westjüdischen Schriftstellern
Date
1920-01-01
Page
165 (sequence 8)
Language
German
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Bemerkungen: Von westjüdischen Schriftstellern wie von heute oder übermorgen sein. Jeder Tag und jede Stunde ist ihre Zeit. 4- Eins ist interessant. Was Hugo Bergmanns Erkenntnis in seiner guten und schönen Bemerkung nicht erfaßt hat, hat Max Brod gerade in einer nicht sehr gelungenen Erzählung begriffen. In seinem Roman „Jüdinnen" hat er instinktiv die Wichtigkeit des Elementaren, des Einfachei\und Patriarchalischen für unser Leben erfaßt. „Jüdinnen" sind keine gelungene Erzählung, ihr Stil ist zu reif für einen jungen Dichter, und das ist verdächtig. In ihr sind keine Wege des Schaffens, besonders keine Wege der Sprache. Aber der Wert dieser Erzählung liegt nicht in Sprache und Stil, sondern in der Erfassung des Problems. Hier ist Brod allerdings gestrauchelt. Das wesentliche Problem der Erzählung ist der Typus der Jüdinnen, aber es ist durch ein anderes verwischt. Hugo, der noch beinahe Kind ist, trifft mit einem schon reifen Mädchen zusammen, und jdies erregt bei ihm die Sexualität und ihre Leiden. Wer braucht dieses uralte Problem, wer hat sich nicht schon genug damit beschäftigt? Dadurch, daß diese Seite hervortritt, ist das Wesentliche verdunkelt worden. Wenn die Erzählung nur mit Erkenntnis geschrieben wäre, so wäre sie gar nicht wichtig. Zu Brods Glück hat sich sein Instinkt hineingestohlen und Olga geschaffen, und diese Olga ist der Kern der Frage und auch die Andeutung der Lösung. Hugo ist ein junger Jude. Er trägt den Kern einer kommenden Zweiheit in sich. Ein Weg führt zur Verfeinerung des Empfindens, zur krankhaften Überkultur von Irene, wie er sie in dem Spiegel seiner Liebe gesehen hat. Und ein zweiter, gerader und einfacher Weg, der des Glaubens und der Tat, führt — zu Olga? Nein, Max Brod wollte, daß Olga in dieser ihrer Gestalt noch nicht die erstrebte, die zukünftige ist, ebenso wie Irene nicht das ist, was Hugo in ihr zu sehen glaubt. Wäre es nicht besser gewesen, wenn Brod eine wahre Irene einer ga, wie sie hätte sein müssen, gegenübergestellt hätte? Wir haben noch kultivierte und tiefe jüdische Mädchen, voll Leid, mit feiner Seele und einer zarten und schönen Kränklichkeit, und wir haben noch patriarchalische, gerade, naive Mädchen, und auch aktive mit weniger Dumpfheit als Olga, in der Hugo letzten Endes auch kein Genüge . finden kann. Der Typus Olga ist der Typ der Jüdin des historischen Ghettos, die die ganze Last des Lebens auf sich lud, die ihre Eltern, ihre Kinder und auch ihren gelehrten Mann ernährte und die, wenn es not tat, auch Wohltätigkeit übte. Es ist das junge Mädchen, das seinem Verlobten, dem Studenten, folgt und sich selbst und ihn durch Nähen oder andere Arbeit ernährt. Es ist die einfache Frau, die manchmal nicht ganz ehrlich in ihrem Geschäft war, aber auch verstand, um ihres Glaubens willen gemeinsam mit ihrem Mann als Märtyrerin zu sterben und ihm die Kinder mit eigener Hand töten zu helfen. Aber im Zeitalter der assimilierten Bourgeoisie ist es die egoistische Mutter, die außer ihrem Mann, ihren Kindern und ihrem Hause nichts kennt, ihre Dienstboten unterdrückt, die im Namen der Moral anderen nichts verzeiht, besonders wenn sie nicht reich sind, und sich und ihrer Familie alles vergibt. Wie wird sie sein, wenn eine andere Epoche kommen wird, die Epoche eines schweren Arbeitslebens, verbunden mit dem Ideal der Wiedergeburt eines Volkes? Die dicke Rinde, die wir an ihr sehen, hat ihre Umgebung um sie gelegt, in der nichts existierte als die Familie und einige armselige Reste von Religion. Kann das gesunde und patriarchalische Mädchen hierin leben? Sie wird entarten, aber bringt sie in ein Feld zurück, dessen Duft sie atmet, sagt ihr, daß sie ihren Dorfgarten selbst bearbeiten soll, füllt ihr die Reste der Religion mit einer großen nationalen Hoffnung, wird sie dann nicht die wahre Erbin der Frau des historischen Ghettos sein? In der Schöpfung Max Brods ist gleichzeitig Gutes und Schlimmes gezeichnet. Und wunderbar: trotz der äußeren Roheit und Dumpfheit dieses Mädchens, trotz des leichten Lächelns, das ihre absolute Sicherheit, eine vorzeitige Sicherheit, bei dem Leser erweckt (manchmal glaubt man, daß nicht die Hand Max Brods, sondern Olgas sichere Hand die Erzählung ge-

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