Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Von westjüdischen Schriftstellern
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 166 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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i66 Bemerkungen: Arthur Ruppin schrieben hat, daß auch die Auffassung und Bewertung von Olga stammt), fühlt man, daß der ganze Rest der Erzählung im Vergleich mit ihr unwesentlich ist, gerade mit ihr, die ohne vorherige Überlegung entstanden ist (dessen bin ich sicher). Denn in dem Zeitalter des Strebens zur Großstadt, zur Bildung und zur Ästhetik sind zwar andere Dinge wichtig, so die wahre Irene, etwa die in Ibsens „Wenn wir Toten erwachen"; aber im Augenblick des Bankerotts des Großstadtlebens, wenn ein Volk der Erneuerung, der Rückkehr und der Verwurzelung in seinen Boden bedarf, um sein Leben von neuem zu gestalten, dann wird eine solche Olga, die Tochter der Vergangenheit, das Weib der Zukunft, gerade so wie jene alte Dichtung, die immer neu ist, wie das Volkslied, Hier im Golus hat das Buch keinen Widerhall gefunden, und besonders die Jüdinnen hassen dieses Buch. Sie zürnen über die verneinende Zeichnung der anderen Mädchen, sagen, daß der Verfasser Irene nicht verstanden hat, und Olga können unsere jungen Mädchen überhaupt nicht begreifen. Sie ist zu primitiv, zu grob, zu dumpf für sie. In einer palästinensischen Stadt würde man sie auch nicht begreifen können. Ein Schriftsteller, ein gebildeter und geschmackvoller palästinensischer Städter, hat sich dem Buch gegenüber gleichgültig verhalten und nur darauf hingewiesen, daß der Verfasser zu schreiben versteht. Bei uns kann man nicht so schreiben, fügte er hinzu, das heißt bei uns kann man wohl viel bedeutendere Dinge finden, aber bei uns gibt es Mängel und muß es solche geben. Hier ist alles ohne Fehler, von vortrefflicher Arbeit. Aber kaum hatten dörfliche Leser das Buch gelesen, drei Leser und eine Leserin, so bildete sich bei ihnen ein einstimmiges Urteil darüber. Im palästinensischen Dorf ist sogar ein Mädchen vom Typ der Irene befähigt, Olga zu verstehen, denn das Lebensgefühl und das Streben zur Realität sind vorhanden. Und hierin liegt der Wert des Buches. Denn ein Leben des Schaffens auf allen Gebieten verlangt vor allem einen Schöpfer, der frei, blind, bewußtlos und auch unklug, das heißt ohne viel Klügelei ist. Erkenntnis und Verstand sollen bloß helfen. Das Fundament muß der Lebensinstinkt sein. Denn das ist der Weg jüdischen Schaffens: von Irene zu Olga. Nietzsche hat über Wagner geschrieben (in einem lobenden Aufsatz), daß seine ganze Entwicklung ein Weg vom Mittelbaren zum Unmittelbaren war, das heißt von dem Gedanklichen zum Geraden. Als ich ihn las, schien mir, daß dieser Aufsatz für uns geschrieben sei. Unser Weg führt vom Verstand zum Instinkt, und deshalb hat der Schöpfer des Typus Olga einen richtigen Instinkt. Wenn er es nicht gesehen hat, so hat sein Stern es gesehen, sagt das aramäische Sprichwort. Aber die Wertung der hebräischen Dichtung von Hug6 Bergmann ist eine großstädtische, verstandesmäßige und deshalb unrichtige Wertung. Der Weg Bergmanns, seine Auf forderung, hebräisch zu schreiben, seine Taten sind wahr, während seine Wertung dem Weg widerspricht. Doch muß man zugeben, daß seine kleine Notiz viel Stoff zum Nachdenken gibt, und auch das ist ein Lob für sie. Jakob Rabinowitz Arthur Ruppin Es gibt zwei Wege für den Einzelnen, in ein führendes Verhältnis zur Masse zu treten. Er kann in der Masse den Willen entfachen, sich aus einem bestehenden Zustande herauszureißen und in einen andern einzutreten. Oder er kann die durcheinander wogenden Strebungen einer Masse zusammenfassen, ordnen und fruchtbar machen. Der Mann des ersten Weges ist der Revolutionär. Eine bestehende Geistes- oder Gesellschaftsordnung hat er an einer andern, die ihm Ideal ist, gemessen und sie als falsch, als unsittlich oder unvernünftig erkannt. Seinen Zorn und Schmerz über das Bestehende, seine Vision des Erstrebten hält er der Masse entgegen und beschwört sie, von dem eingeschlagenen Weg zu lassen und einen andern zu wählen. Das Werkzeug, mit dem er die Massen bewegt, ist das Wort — das gesprochene oder das geschriebene. In seinem Wort liegt seine Persönlichkeit beschlossen.