Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Von westjüdischen Schriftstellern
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 164 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Bemerkungen: Von westjüdischen Schriftstellern Stadt ist zerstört, und das Dorf und die Kleinstadt sind geblieben. Geblieben sind Feld, Wald, Fluß, Meer, Sonne und Mond (die mehr Stoff für die Dichtung sind als eine elektrische Lampe), Baum, Frucht und Haustiere. Ich weiß nicht, vielleicht verschlingt die Maschine und irgendeine chemische Zusammensetzung das alles. Vorläufig sind wir noch nicht so weit gekommen. Ihrer Natur nach hat die Dichtung der Fundamente, des Bodens, die auf primitiven Grundlagen ruht, mehr Wert als die Dichtung des Augenblicks, besonders wenn sie gedanklich ist. Ich habe auch zu Shaw kein besonderes Verhältnis. Was hat er Neues geschaffen? Was kann man überhaupt noch Neues schaffen nach den Griechen, den Indern, der Bibel in der Vergangenheit, nach Goethe, Tolstoi und Dostojewski in der neuesten Zeit? Ist Shaw denn moderner als der ihm vorausgehende Maeterlinck oder als Ibsen? Was kann man mit all seinen langen Erläuterungen aus seinem Drama lernen? Es ist interessant: gerade Hugo Bergmann, der Anhänger der gedanklichen Dichtung, ist zugleich Anhänger des Realitätsgedankens von Bergson. Ist das keine Verwirrung? Ich selbst bin kein Anhänger der reinen Gattung. Im Gegenteil, ich liebe Plastik in der Malerei, Musik in der Wortkunst, auch Naturmalerei in Worten. Ich verwerfe weder die Gedankendichtung, noch die Realitätsphilosophie. Jedoch—Philosophie ist nicht meineSache— habe ich bei all dem die Empfindung, daß die indische Mystik und die deutsche Metaphysik wertvoller sind als die praktische Kabbala und die an die Realität geknüpfte Philosophie. Mein Empfinden sagt mir, daß Spinoza mehr ist als Bergson, und Goethe und sogar Bialik mehr als Shaw und Werfel. Man darf noch ein anderes Moment hier nicht außer acht lassen. Es gibt keine jüdische Großstadt. Wir kehren um und fangen unser Leben wieder von vorn an. Womit hat Faust begonnen? Mit Werfel. Womit endet er? Mit Bialik. Sehnt ihr euch denn nicht von Berlin und Wien nach dem palästinensischen Dorf? Ja, die Kultur wird auch dorthin kommen, sie existiert bereits dort, aber man darf sie nicht proklamieren und betonen. Wenn ein Jude über einen holzhauenden Bauer schreibt, so wird ein Problem dabei herauskommen. Wenn er selbst Holz haut, wird eine Kultur geschaffen werden. So ist er seiner Natur nach, anders kann er nicht sein. Das Unglück des schaffenden Juden ist es, daß er allzu weise ist, daß er wägt und mißt. Der Nichtjude, der Körper und Gefühl hat, braucht die Herstellung des Gleichgewichts durch den Gedanken. Der gedankliche Jude braucht einen Ausgleich durch den blinden Instinkt. Wie Tycho Brahe von Kepler sagt: Frei, blind, unklug, bewußtlos — so muß der Jude schaffen. Je mehr er die Augen schließt und an das bißchen Instinkt glaubt, das ihm geblieben ist, einen um so geraderen Weg wird er gehen. Über jenes: „Sie machen viele Rechnungen" hat schon Kohelet geweint. So waren die Juden schon damals in den Tagen des Abstiegs. In den Tagen der wundervollen biblischen Prosa der Bücher Richter und Samuel, in den Tagen des Arnos und des ersten Jesaja gab es noch " andere Menschen: „Gott hat den Menschen gerade geschaffen". Unsere Dichtung stimmt mit unseren Lebensbestrebungen über ein, mit der Natur, Einfachheit, Naivität, und deshalb ist uns Hermann und Dorothea eine Welt und lebt. Shaw und Werfel — Hugo Bergmann möge versuchen, einige Jahre im palästinensischen Dorfe zu leben. Buber hatte mit seiner Einschätzung Werf eis Recht. Der Glaube an das Wort ist das Wesentliche in der Dichtung (ich möchte hinzufügen, wie der Glaube an den Boden das Wesentliche bei der Arbeit ist), Werfel hat diesen Glauben nicht. Wohin gehen wir denn, zur Zerstörung oder zum Aufbau? Die Westler schätzen wir gerade wegen ihrer Geradheit, wegen ihres Strebens nach Einheit (bei aller Geradheit derZweiheit) und in ihrer Verehrung der Arbeit, des Willens, in ihrem Streben zur Religiosität im höheren Sinne, zur Konzentrierung. Was hat Werfel von alldem? Und führt von der Klügelei Shaws ein Weg dorthin? Hugo Bergmann möge mir verzeihen, er ist noch ein Gast in der hebräischen Dichtung. Wenn er sie näher kennen lernt, wird er wissen, was sie ist. Sie ist alt und neu; ihr ganzes Wesen ist das Streben nach der Erneuerung des Menschen, ist nicht das Gestrige. Und wenn ihr wollt, kann sie ebensogut von vorgestern