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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 163

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Von westjüdischen Schriftstellern
Date
1920-01-01
Page
163 (sequence 6)
Language
German
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Bemerkungen: Von westjüdischen Schriftstellern 163 Stunde, da wir unsere Zerstreuten zu uns rufen, ist das extreme, strenge, kompromißlose Wort wertvoll. Aber die Seele ist nichts, was sich durch Forderungen auf Verzicht formen ließe. Hier muß man vorsichtig, mit zarter Hand herangehen, und besonders darf man der Seele des schaffenden Menschen nur so nahen. Ich bin sicher, daß der Tag kommen wird, an dem unser Leben und unser Schaffen unsere Schaffenden von draußen zu uns ziehen wird. Aber wenn das Schicksal ein Geschlecht zum Übergangsgeschlecht bestimmt hat, so möge es das sein. Wer einen Drang zur Ganzheit, zur Einheit spürt, wer bereit ist, um des Gewinns der Zukunft willen den Verlust der Vergangenheit in den Kauf zu nehmen, soll diesen Weg gehen. Wer aber in seiner Seele unlösbare Bindungen an die Vergangenheit fühlt, kann nicht den Weg Lublinskis gehen, sondern den anderen, den Weg der Zweiheit. Der Weg nach Palästina, zum Hebräischen, zur Erneuerung des Lebens, zum positiven sozialen Schaffen bei uns ist offen, und dieser Weg kann mehr bereichern als der Weg Lublinskis. Sie brauchen nichts zu fürchten: sie werden bei uns Verständnis finden. Wir sind so sicher auf unserem Boden, daß wir es uns gestatten können, nicht engherzig zu sein. Der Weg zu uns ist ein jüdischer und menschlicher, und wir werden keinen Menschen verurteilen, ohne selbst in seiner Lage gewesen zu sein. Letzten Endes hatte und hat jeder von uns Risse. Das Schlimme amGaluth ist, daß die Risse nicht schön sind. Eine jüdische Atmosphäre und ein hebräischer Ausdruck werden auch die Risse schöner und tiefer machen. 3- Hugo Bergmann hat auch die jüdische Dichtung berührt, und hier ist eine Auseinandersetzung mit ihm unumgänglich. Man übersetzt Goethe, Nietzsche, Ibsen ins Hebräische, und Hugo Bergmann befindet sich m der Epoche Bergsons, Shaws und Werfeis (Wyneken kenne ich nicht). Deshalb ist Bergmann unzufrieden und glaubt hier ein Feld für die westjüdischen Dichter zu sehen. Denn auch die hebräische Lyrik ist seiner Meinung nach von gestern. Bergmann ist über eine Begriffsverwirrung gestrauchelt Daß die hebräische Lyrik von gestern ist, ist auch Bialiks Ansicht (in Privatgesprächen). Das heißt, daß unsere heutige Dichtung der Puschkins, Lermontoffs, Mickiewiczs näher steht als der modernen. Hierin liegt eine tiefe Wahrheit. Das soll nicht heißen, daß unsere Dichtung keine modernen Motive oder keine modernen Ausdrucksformen hat. Bialik selbst, Tschernichowski, Jakob Kahan, Schneur, Fichmann, Abraham ben Jizchak und andere zeigen durchaus Modernität. Es lohnt sich, den Tanz der Greise von Verhaeren mit dem Tanzlied Bialiks (in Kenesseth 1917) zu vergleichen, zwei in Titel, Rhythmus und Inhalt verwandte Gedichte, um zu sehen, wohin Bialik wirklich gehört. Bei Verhaeren ist mehr Flug, Symbol, Fremdartigkeit, bei Bialik Boden, Einfachheit des Ausdrucks, volkstümlicher Duft. Wenn man sein Gedicht „Mein Los sei wie eures" betrachtet, ein Gedicht, das ganz ein Hymnus auf Alltagstaten und Alltagsmenschen ist, die das Joch des Lebens tragen, ohne es zu spüren, so erkennt man ein Gedicht, das moderne Haltung mit einem einfachen, stetigen Ausdruck verbindet. Welche Dichtung ist wichtiger? Über Werfel will ich nicht sprechen, er ist mir noch fremd. Ich nehme ein anderes Beispiel: Rilke, ein Dichter, den ich fühle und der zu meiner Seele spricht. Vom Standpunkt der Geistigkeit, der Gedanklichkeit in der Dichtung ist Rilke unendlich bedeutungsvoll. Aber vom lyrischen Standpunkt, das heißt vom Standpunkt dessen, der die Instinkte und Gefühle als Fundament der Dichtung ansieht, der glaubt, daß das Symbol von selbst sich einstellen und nicht mit Händen geformt sein muß, gibt es kein Heute oder Gestern in der Dichtung, sondern es gibt nur gute und schlechte Dichtung. Sicherlich steht uns ein Zeitgenosse näher, aber man soll den Wert dieser Nähe nicht übertreiben. Ich nehme die Großstadtdichtung von Verhaeren, von Alexander Block, dem Russen (ein großer und elementarer Dichter), und einige Gedichte von Werfel oder sogar ein Liliencronsches Stadtgedicht, und frage mich: ist die Großstadt in ihrer jetzigen Formund ihrem jetzigen Inhalt ewig? Die Großstadt von früher, Babel und sogar Rom und Alexandria, war anders. Jene Groß- 11*

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