Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 162

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Von westjüdischen Schriftstellern
Date
1920-01-01
Page
162 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101167-3105340--3975-3105389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

IÖ2 Bemerkungen: Von westjüdischen Schriftstellern höchste jüdische Inhalt, wenn nicht ein rein menschlicher, und ebenso verhält es sich mit der Sprache. Die Ausdrucksform der Bibel ist nicht umsonst zu einer allweltlichmenschlichen Ausdrucksform geworden. Die Schwierigkeit liegt also nicht hier, sondern an einer anderen Stelle. Das Problem ist der Dualismus, das Sitzen auf zwei Stühlen, gerade das, von dem sich Menschen wie Jabotinsky und Hugo Bergmann befreien wollen. Aber hier greift das Problem des Verzichts ein. Die Operation kann manchmal zu schwer sein und kann den Schaffenden zum Verstummen bringen, Verstummen in doppeltem Sinne: Schweigen und Gelähmtheit. Wiederum meine ich nicht die Sprache. Zwischen dem europäischen Hebräisch und der deutschen Ausdrucksform (im wesentlichen kommt ja nur Deutsch in Frage) ist keine große innere Entfernung, nur die typischen äußeren Formen sind verschieden. Die Hauptfrage betrifft den Geist, das innere Empfinden und den Instinkt, die schon durch die Tatsache dieser Konstellation ein doppeltes Antlitz haben. Hier kann gerade die Einheit verwischen und die Zweiheit zum Segen gereichen. Der Schaff ende kann seinen Reichtum von draußen zu uns hineintragen, und wiederum bei uns bereichert werden, um nach außen hin weiter zu geben. Der Dualismus ist nicht so gefährlich. Viel menschliche Tragik wird durch ihn geschaffen, aber dadurch auch innerer Reichtum, Vermehrung der Nuancen, Schönheit und Schmerz. Unser Einheitsgedanke hat viel geschaffen, aber Griechenland und Indien haben doch wohl ebenfalls ihren Wert. Überhaupt ist keine Gefahr, Das Streben nach Einheit ist mehr wert als die Einheit selbst. Die Generation, deren Schriftsteller zum höchsten Dualismus kommen werden, dem des doppelten Ausdrucks in zwei Sprachen, die außer ihrer europäischen Sprache auch das Hebräische durch Vordringen zu den Quellen des Judentums wie durch das Einatmen einer Atmosphäre jüdischer Realität sich erobern wird, diese Generation wird zerrissen sein, aber nicht entwurzelt. Und Risse verwachsen, und wenn sie nicht verwachsen, so kann man dennoch leben und schaffen, wie es Byron und Dostojewski beweisen. Die kommende Geschichte unseres Schaffens wird nicht ohne Sehnsucht über das Geschlecht mit den beiden schönen und in ihrem Schmerze glücklichen Seelen reden. Ich bin nicht engherzig. Wenn jetzt unsere Schriftsteller im Westen nur für andere, nicht für uns aufnehmen, so ist das schmerzlich. Aber wenn sie uns die Dinge draußen geben werden, und unsere Schätze nach draußen bringen, dann sollen sie gepriesen sein. Wir sind keinem etwas schuldig. Aber wenn sich deutsche Künstler und Schöpfer finden werden, die aus den Schätzen, die ein Gorion ihnen zugänglich macht, schöpfen—umso besser. Wenn der Tag kommt, wo einzelne Schriftsteller unsere Sprache lernen und den Einfluß ihres Geistes und ihrer Literatur auf die unsere erkennen werden, so werden sie Genugtuung empfinden. Auch wir können nur Freude fühlen, wenn schöpferische Menschen dort draußen von unserem Geiste beeinflußt werden. Ich wollte, ich könnte unsere schaffenden Menschen, die unter den anderen wirken, in unseren Boden verwurzeln. Sie gänzlich dort zu entwurzeln, ist gar nicht wichtig. In einer palästinensischen Pflanzung aß ich von zwei Zweigen eines einzigen Baumes Apfelsinen und Mandarinen, und beide waren süß und duftend. Es ist nicht unmöglich, daß ein Mensch zwei Welten in sich trägt, wenn das Schicksal es ihm so bestimmt hat. Es gibt auch Bäume, deren Wurzeln aus zweierlei Erdreich saugen, und diese Bäume sind durchaus nicht schlecht. Die Hauptsache ist, daß der Boden gut ist und die Wurzeln tief, und hier hat Wassermann recht, wenn er einmal schreibt, daß der schaffende Jude bei den anderen sich um so höher hebt, je mehr er Jude ist und aus den Quellen seines Volkes trinkt. Aber Wassermann selbst ist allmählich entwurzelt worcfen, und seine jetzige Einheit gewinnt dadurch nicht sehr. Ein Sprung in das Meer, in die hebräische Atmosphäre kann Besserung schaffen. Es liegt viel Schmerz darin, aber dieser Schmerz kann höher emporheben als die ruhige Genügsamkeit eines halben Lebens, das nur äußerlich ganz ist. Besser als das ist ein tiefer Riß, von dem der Weg oft zu höchster Harmonie führt. Es ist möglich, daß diese meine Worte nicht für unsere Bedürfnisse passen. In der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.