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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 161

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Von westjüdischen Schriftstellern
Date
1920-01-01
Page
161 (sequence 4)
Language
German
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Bemerkungen: Von westjüdischen Schriftstellern 161 Hegel, dem Lehrer von Nachman Krochmal, dem Vater des hebräischen Gedankens, zwischen Goethe, Mörike und Dehmel, den Lehrern von Tschernichowski, zwischen Nietzsche, dem Lehrer des frühen Berdiczewski, und den Juden Heine und Marx, Moses Heß und Herzl. Für uns liegt in allen diesen eine gewisse Einheit, ein Verzicht auf all das kann nicht leicht fallen. Glaubt ihr, daß die Juden der Assimilationszeit keine tiefe jüdische Seele hatten? Wie Wassermann hat Berthold Auerbach vom Judentum aus begonnen. Und Leopold Kompert, der Böhme, den die Anhänger der Heimatkunst in Deutschland höher schätzen als andere jüdische Künstler, träumte nicht nur von jüdischer Erneuerung durch Landarbeit und von reinem religiösem Leben (in der Erzählung Am Pflug), sondern noch mehr: er träumte den Traum des Mendel Wilna (in der Erzählung Die Kinder des Randars). Das bißchen Rationalismus und die offenliegende Tendenz bei ihm sind nicht wichtig; auf die Seele seiner Schriften kommt es an. Trotzdem ist auch Kompert noch draußen verwurzelt. Der Abgrund lockt und der weite Himmel lockt, und dort draußen gibt es das eine wie das andere. Es ist schwer, sich von dem Zauber Goethes zu befreien. Ich verstehe die Seele der gradlinigen Assiniilanten, und wer sich dort mit seiner Seele verwurzelt hat — vielleicht sind diese Menschen gerade die wichtigsten —, für den wird es schwer sein, auf diese seine Welt zu verzichten. Und noch eins. Wenn ich Bergmann darin zustimmen könnte, daß das Phänomen Werfe! etwas Großes und wahrhaft Schöpferisches wäre, dann würde ich Werfel nicht raten, zu uns zu kommen. Für ihn ist noch kein Platz. Das Milieu hat seine bestimmte Atmosphäre, und selbst Schnitzler * und Wassermann, für die wir empfänglich sind, müßten bei uns auf vieles von ihrem Inhalt verzichten. Nicht wegen der sprachlichen Schwierigkeiten; "in dieser Beziehung bin ich gerade Optimist. Unsere Sprache verbreitert sich und paßt sich an, und in ihr ist viel Kultur enthalten, das Erbteil von Generationen. Selbst wenn die Schaffenden, die von außen kommen, diese ererbten Schätze nicht zu nutzen verständen, so würde es Heft 3. dennoch kein Unglück für uns sein. Außer der Sprache, die von der Tradition erstickt wird, haben wir schon eine menschlich europäische Ausdrucksform, die durch Nachahmung der Außenwelt und Verschmelzung der fremden Grundlagen mit den unsern geschaffen ist. Zu dieser Sprache gelangt man leicht. Ich schätze Agnons Erzählungen vom Thoraschreiber und seinen „Verstoßenen", aber ich bin kein Anhänger der Stilisierung. Ich glaube, daß wir zu Europa gehören. Um unsere nationale Wesenheit hervortreten zu lassen, genügt schon die Nuance, besonders an einem Orte, wo der Umkreis unseres Lebens ein jüdischer ist. Unsere Tragödie im Galuth ist nicht die Verwischung des Juden in uns, sondern die Verwischung des Menschen durch die Verengerung des jüdischen Lebensumkreises. Wenn die jüdische Gesellschaft im Galuth eine Gesellschaft mit einem vielseitigen und vollen Ausdruck des menschlichen Lebens wäre, dann wäre auch der Jude nicht verwischt. Das Streben zum Juden ist in Wirklichkeit das Streben zu einem vollen, nach allen Seiten gleichmäßig ausstrahlenden Menschentum, und deshalb erwacht es erst bei einer gewissen kulturellen Höhe, wenn der Mensch befähigt ist, das Leben in seinem weiten Umfange zu würdigen, und die Notwendigkeit zum realen Leben ebenso wie zum abstrakten spürt. Weil da, wo es jüdisches Leben gibt, die jüdische Nuance von selbst hervortritt, und weil das Erwerben der lebendigen hebräischen Sprache in die Atmosphäre des jüdischen Lebens und Schaffens hineinführt, kommt es auf die Form der Sprache nicht so sehr an. Die mischnisch-agadische Stilisierung von heute muß ebenso wie die biblische der Haskala- Epoche noch einmal auf das Schaffen drücken, dessen erste Grundlage und Hauptfaktor die Freiheit ist. (Das eiserne Joch, zu dem Bialik betet, ist nur ein Symptom dafür, daß sein Schaffen abgeschlossen ist.) Die Tendenz der Entwicklung unserer Sprache geht nach der Seite der europäisch-menschlichen Ausdrucksform. Palästina und Hebräisch bedürfen keinerHervorhebung, im Gegenteil, je unwillkürlicher der Jude in ihnen sich ausdrückt, um so bedeutsamer ist der Ausdruck. Denn in der Tat, was ist der 11

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