Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Von westjüdischen Schriftstellern
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 160 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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i6o Bemerkungen: Von westjüdischen Schriftstellern Bedürfnis, das Buch zu lesen). Es ist selbstverständlich, daß Osteuropa nicht so ist. In Rußland fanden interessante Diskussionen über Judentum und Christentum statt, denn auch dort wird ja unsere Arbeit durch andere getan, und deshalb werden auch die abstrakten Schriftsteller des Westens dort mit offenen Armen empfangen. Was Palästina angeht, so gebt euch keiner Täuschung hin, keine Erzählung von euch wird die Herzen der Kolonien und Arbeitergruppen so erobern, wie SynnÖve Solbakken von Björnson oder Zwei Schwestern von Stifter. Es versteht sich von selbst, daß mit Hermann und Dorothea nicht einmal Tolstoi "und Dostojewski wetteifern können. In der Kolonie und der Arbeitergruppe besteht ein Leben in der Wirklichkeit, ein Lebensdrang und eine Lebenseinschätzung, die von eurer großstädtischen Einstellung völlig verschieden sind. Und dies müßten unsere besten jüdischen Schriftsteller wissen. Die nach Palästina gehen und noch jung und lebensfähig genug sind, um das werdende Leben in sich aufzunehmen, werden sicher vieles geben, nicht wenig Neues bringen und ^seelische Befriedigung rinden. Die anderen werden nur in den städtischen Kreisen aufgenommen werden. Die außerhalb des Landes bleiben und hebräisch schreiben, werden sicher durch ihre Fremdheit und manchmal durch ihr Menschentum interessieren. Ob sie aber die Herzen gewinnen werden — wer weiß? Und zürnt nicht: in diesem einseitig profanen Verhältnis liegt keine Entweihung des Heiligen, denn es gibt auch ein Heiligtum auf Erden, die Weihe der Wirklichkeit, etwas, was das Gehirn des Golusjuden überhaupt nicht fassen kann. 2. Es gibt noch einen wichtigen Punkt, der den deutschen Juden, der hebräisch schreiben will, angeht, den Dualismus, der in seiner Situation liegt Jabotinsky war Journalist und Politiker. Seine Bedeutung war sicherlich groß, aber letzten Endes war er doch in der fremden Welt kein Schöpfer. Solange er draußen war, gab es für ihn zwei wichtige Dinge, Sprachstil und Leichtigkeit; hier innen kamen noch zwei Dinge hinzu, das Opfer und der Wille. Letzten Endes schrieb er russisch und nicht deutsch, und wenn ihr wollt, ist diese jüdische Generation die erste in der russischen Literatur. Frug, der jüdischrussische Dichter, war ja dort fremd. Man konnte ihn nicht einordnen, und erst mit dem Auftreten von Minski, Schestow, Dymow und andern begann man den Juden bei ihm zu fühlen. In der deutschen Literatur dagegen hat sich der Jude seit hundert Jahren eingebürgert, und wie sehr hat er sich eingebürgert! Heine, Börne, und dann Lassalle und Berthold Auerbach (wenn der Intelligenzler von ihm abfällt, so ruft ihn der Bauer, und anscheinend hat er dessen Leben nicht gefälscht). Und was für eine jüdische Literatur gibt es bereits in dieser Sprache! Was bedeutet Graetz, wie sehr hat er sogar den Ostjuden erzogen (ich meine das nationale Temperament von Graetz). Könnt ihr euch Wassermann außerhalb der deutschen Literatur vorstellen? Ich kann mir vorstellen, daß Wassermann hebräisch schriebe, sogar sehr wertvolle Dinge schriebe und seelische Offenbarungen von unsagbarer Tiefe gäbe. Aber ich kann ihn mir nicht vorstellen, wie er völlig auf jene Seite der Welt verzichtet. Wir, die Leser unserer Literatur, die von dem Dichter Micha'Josef Lebensohn, der, wenn ihn die Schwindsucht nicht mit 24 Jahren fortgerafft hätte, unserer Dichtkunst die Geburtswehen von 50 Jahren erspart hätte und der Klassiker geworden wäre, der uns bis heute fehlt, bis auf Micha Josef Berdyczewski, den tiefsten und verwurzeltsten Romantiker unserer Literatur (im Gegensatz zu dem entwurzelten Perez), aus dem Quell der deutschen Dichtung und ihrer Gedankenwelt schöpft, wir können fühlen, wie teuer diese auch noch für den sich befreienden Juden sein muß, der nach seinem eignen Fundament strebt. Luther hat von der Bibel empfangen und hat uns dadurch das Aufnehmen erleichtert, und der Jargon hat ebenfalls in nicht geringem Maße eine Annäherung bewirkt. Kennt ihr auch nur eine Literatur, die uns nationalen Hebräern näher steht als diese? Wir sind auch von Rußland beeinflußt worden, viele unserer Wurzeln standen in seinem Boden, aber wenn wir über Kultur reden, taucht sofort Deutschland und seine Sprache auf, und hier kann man keinen Unterschied machen zwischen Schiller, dem Lehrer unserer Aufklärungsepoche, zwischen