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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 154

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1920-01-01
Page
154 (sequence 8)
Language
German
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Samuel Rappaport: entbehren, hat notwendig zur Folge, daß die infolge der traurigen äußeren Verhältnisse zumeist schwach entwickelte körperliche Konstitution der Ostjuden Krankheitskeimen leicht zugänglich ist. Ganz besonders aber trägt hierzu noch die schwierige ökonomische Lage der Ostjuden bei. Der Ostjude, soweit er kein Handwerker ist, ist aus Gründen, die hier zu erörtern kein Raum ist, zu seinem Lebensunterhalt im wesentlichen auf höchst waghalsige und unsichere kommerzielle Unternehmungen und die sogenannten Luftgeschäfte angewiesen. Dabei wird die breite Masse stets von der Sorge um das tägliche Brot in solchem Maße beherrscht, daß häufig der Vater einer vielköpfigen Familie am Morgen noch nicht weiß, wo er die Mittel für den Tagesunterhalt der Seinen hernehmen soll. Aber sogar der Reiche lebt häufig in Angst vor einem plötzlich eintretenden Konjunkturwechsel, der ihn über Nacht bettelarm machen kann. Dies alles hält die Nerven in steter Erregung, untergräbt die Gesundheit und bildet die Ursache zahlloser auf nervös-pathologischer Grundlage entstehender Krankheitserscheinungen, die sehr häufig den Besuch von Heilbädern erfordern.. Tatsächlich stellen die Juden bekanntlich in solchen Bädern einen relativ hohen Prozentsatz von Patienten. Es sind nicht immer Wohlhabende, die diese Bäder besuchen. Auch der mittellose kranke Ostjude zaudert nicht, eine für seine Gesundheit notwendige Badereise zu unternehmen, selbst wenn er nicht über die nötigen Geldmittel verfügt. Die Fahrtkosten, die er auch in der kleinsten und ärmsten Gemeinde zusammenzubringen vermag, sind oft das einzige, was er bei Beginn seiner Fahrt besitzt. Trotzdem tritt er ruhig seine Reise an, da er bestimmt weiß, daß er an seinem Reiseziel von seinen Brüdern nicht im Stich gelassen wird. Denn sie wissen, daß die von Gott zum Segen der Menschen geschaffenen Heilplätze nicht nur dem Reichen zugute kommen dürfen; auch der Arme soll ihrer teilhaftig werden. Es gibt sogar manche — zumeist arme und alleinstehende kranke Frauen —, die den ganzen Sommer zur Erholung sich in den Kurplätzen aufhalten, wo sie, reichlich beschenkt, nicht nur ihre Gesundheit herstellen, sondern mitunter auch noch einen Betrag für den Winter erübrigen. Die Sorge um die Unterstützung der mittellosen Kranken in den Kurplätzen tragen die dort überall tätigen „Gabbaim". Nicht nur in sämtlichen Kurplätzen des Ostens, sondern auch in den von Ostjuden besuchten Weltkurorten, wie Karlsbad, Marienbad, Meran usw., gibt es ein Krankenfürsorge- Komitee, die erwähnten „Gabbaim" (vom aramäischen gabbai jemand, der Almosen oder Steuern einzieht). Gleich zu Beginn der Kurzeit treten einige aus dem Osten kommende Kurgäste, natürlich nur solche, die selbst keiner Unterstützung bedürfen, zu einem solchen Ausschuß zusammen. Ihre Tätigkeit besteht darin, daß sie während der ganzen Kurzeit unter den bemittelten Kurgästen regelmäßige Sammlungen vornehmen und diese zugunsten der Hilfsbedürftigen verwenden. Kommt ein neuer Kurgast an, von dem man weiß oder auf Grund eingezogener Erkundigungen annimmt, daß er Beiträge zu leisten in der Lage ist, so besuchen ihn sogleich die Gabbaim, damit er

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