Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 151 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101167-3105338--3961-3105378- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden meinde gibt es überdies gewöhnlich noch einzelne Personen, Männer und Frauen, die, von edlern Drange getrieben, oft ihren eigenen Erwerb vernachlässigen und ihre ganze freie Zeit dazu verwenden, Gelder zum Zwecke der Unterstützung armer Kranker sowie deren Familien bei allen möglichen Gelegenheiten zu sammeln. Man kennt sie in der Stadt, und der hilfsbedürftige Kranke weiß schon im Notfalle, an wen er sich zu wenden hat. Sie werden gewöhnlich von jedermann lächelnd aber respektvoll „Schnorrer" genannt, und auch sie selber bezeichnen sich mit Stolz als solche. Wenn sie auch durch alizuhäufige Besuche manchem mitunter lästig erscheinen, werden sie doch wegen ihres edlen Eifers und Opfermutes in allen Kreisen geschätzt. In Einzelfällen, wenn die gewährten Unterstützungen zur Deckung der Krankheitskosten oder der Erhaltung der Familie noch nicht genügen, finden sich immer Leute, die für diese Bedürftigen besondere Spenden einsammeln. Es gehört zu den täglichen Erscheinungen des Ostens, daß man auf der Straße, am Markte oder gar in der Synagoge von zwei Leuten (im Osten werden, dem Ausspruche des Talmuds gemäß [Tr. Baba Batra 8B], Spendensammlungen nur von Zweien beisammen vorgenommen) mit den Worten angegangen wird: Wir brauchen eine dringende neduwe (nedabah Spende) für einen Täte (Vater) von soundsoviel Kindern, der ohne Mittel zu Hause krank darniederliegt." Es gibt wohl keinen, der sich da entzieht, und jeder reicht bei solcher Anrede je nach den Umständen und Verhältnissen den Sammlern bereitwilligst seine Spende. Zu den Vereinen, die die allgemeine Krankenfürsorge üben, kommen noch manche Vereine, die sich die Unterstützung und Betreuung von ganz besonderen Krankengruppen zur Aufgabe machen. Dazu gehört in erster Linie der fast in jeder größeren Gemeinde vorhandene und immer von Frauen geleitete „Wöchnerinnen-Verein". Eine ostjüdische Frau nämlich, und mag sie noch so arm sein, würde nie zu einer Entbindung eine Anstalt oder ein Spital aufsuchen. Die Geburt eines Kindes bedeutet beim frommen Juden eines der schönsten und freudigsten Ereignisse des Lebens, und der fromme Ostjude würde es gar nicht begreifen, daß ein solch glückliches Geschehnis außerhalb des eigenen Heimes unter Fremden in einer öffentlichen Anstalt vor sich gehen sollte*). Eine außereheliche Geburt, für die gerade ein fremdes Milieu weit von der nächsten Umgebung erwünscht erscheint, ist im frommen Osten ganz unbekannt. Daher besitzt kein jüdisches Spital im Osten eine Abteilung für Entbindungen, und wenn eine solche irgendwo eingerichtet wäre, würde sie aus den oben angeführten Gründen unbenutzt bleiben. Der ,,Wöchnerinnen-Verein" hat die Aufgabe, arme hilfsbedürftige Wöchnerinnen aufzusuchen und ihnen alle mögliche Unterstützung angedeihen zu lassen. Es sind zumeist die reichsten *) Im Osten findet man es ganz unbegreiflich, daß im Westen selbst reiche jüdische Frauen ganz ohne Zwang und nur aus Bequemlichkeit außerhalb des Hauses, in Kliniken und Sanatorien, entbinden.