Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 150 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101167-3105338--3960-3105377- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Samuel Rappaport: Tafeln angebracht, die den Namen der Stifter und ihren Sterbetag enthalten. Manche Spitalsverwaltungen decken einen großen Teil ihrer Ausgaben aus solchen Bettstiftungen. Andere wieder testieren Beträge, aus deren Zinsen alljährlich, gewöhnlich am Sterbetage des Testators, neue Spitalswäsche oder gar bessere Speisen für die Kranken angeschafft werden. Die Spitals Verwaltungen führen in ihren „Tafeln zum ewigen Gedächtnis" (Luach le-sikaron olam) die Namen der Spender und lassen stets an deren Sterbetagen für das Seelenheil das Jahrzeitlicht anzünden, Kaddisch sagen und Mischnajot lernen. Natürlich wird überdies, wenn es nottut, auch in der Synagoge beim Aufrufen zur Torah sowie bei sonstigen Gelegenheiten das Spital mit Spenden bedacht. In manchen Gemeinden ist es auch bei vielen wohlhabenden Familien Sitte, daß bei freudigen Anlässen, wie Hochzeit, Geburt eines Kindes, Bar-mizwah-Feier und dergleichen außer einer namhaften Geldspende zu Händen der Spitalsverwaltung noch überdies die Kranken im Spital besucht, jedem derselben ein Geldstück in die Hand gedrückt wird — im Osten nämlich wird das Spital in der Regel ausschließlich von sehr armen Leuten aufgesucht, und wer es nur irgendwie vermag, verbleibt am liebsten in häuslicher Pflege - und, wenn es vom Spitalsarzt erlaubt wird, auch Wein und Süßigkeiten verteilt werden. Neben den Spitalsinstitutionen verfügen ausnahmslos sämtliche jüdischen Gemeinden im Osten über mehrere private Vereine, die die Krankenfürsorge als einzigen Hauptzweck oder neben anderen Aufgaben betreiben. Ihre Fürsorge erstreckt sich vorzüglich auf die in häuslicher Pflege befindlichen Kranken. Die jüdischen Spitäler besitzen nie Raum genug, um alle Ortskranken aufnehmen zu können, wodurch stets eine nicht geringe Anzahl heilungsbedürftiger Kranker in häuslicher Pflege zu bleiben genötigt wird. Überdies gibt es in jeder Gemeinde nicht wenige, die zwar unterstützungsbedürftig sind, aber doch nicht im Krankheitsfälle den öffentlichen Stempel der Armut tragen möchten, und deshalb keinesfalls in ein Spital gehen würden und unter allen Umständen vorziehen, zu Hause zu bleiben, auch wenn sie über die für die Behandlung nötigen Mittel nicht verfügen. Die Fürsorge für solche unterstützungsbedürftigen Kranken, die aus irgendeinem Grunde in häuslicher Pflege verbleiben müssen oder wollen, bildet die Hauptaufgabe der zu diesem Zwecke gegründeten Vereine. Sie führen zumeist den Namen „Bikkur-cholim"-Verein. Ein solcher Verein hat die Aufgabe, Kranke, die sich in häuslicher Pflege befinden, aufzusuchen und ihnen, je nach den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, Unterstützung in Form von Heil- und Nahrungsmitteln, Beistellung von Ärzten und selbstverständlich auch Bargeld für die Familie zur Verfügung zu stellen. Diese Vereine sorgen auch nach Möglichkeit für Familien, deren Ernährer oder Ernährerinnen im Spital krank darniederliegen. In jeder Ge-