Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Assimilation in Frankreich
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 145 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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„Assimilation" in Frankreich 145 Formlosigkeit mit viel häßlichem Ghettoerbe abhebt? Ließen sie nicht niedrige Triebe etwas zu frei walten in diesem Lande geistiger Freiheit? Blieben ihre edelsten Kräfte auch lebendig genug, da das zweite Jahrtausend der Gefahr in jenem heitern Lande mit einemmal so milde zu enden schien? Wurden sie nicht etwas bequem? Es kam die Dreyfuskrise und die Ausbrüche der Volkswut, in deren Brandhitze Theodor Herzls Rettungspläne plötzlich gereift sind. Selbst der französische Judenhaß hatte also noch etwas plastisch Suggestives; auch die französischen Juden sind in diesem Sturme erwacht, allerdings ohne so weitgehende Konsequenzen zu ziehen wie wir, auch wenn sie sich Zionisten nannten. Das müssen wir begreifen lernen: die französische Judenhetze war bei allem Radau harmloser als ihre deutschen Vorbilder. Die Grundsuppe war wieder Deutschenhaß, Preußehfurcht, und die nationalistischen Führer bemühten sich geradezu, diese ethnographische Vermengung aufrechtzuhalten, damit die Bewegung volkstümlich blieb. Im Grunde hat der Franzose für Rassenmäkelei kein Organ. Es war auch kein Ritualmordprozeß, wie wir sie alle verzweifelnd erlebt haben. Dreyfus war eines möglichen Verbrechens beschuldigt; unter seinen Gegnern waren vollsinnige Ehrenmänner, die ihn auf Grund der Beweisstücke für schuldig hielten ohne Hinblick auf sein Judentum; unter den Millionen Dreyfusards gaben Männer vom Schlage Picquarts den Ausschlag, die nur reine Gerechtigkeit wollten. Diese kalte, strenge Elite des heutigen Franzosentums, die vielleicht den Juden nicht liebte, die jedenfalls aus tiefstem Volksinstinkt nicht die Besonderheit des Juden, sondern nur den Menschen in ihm sehen wollte, diese Elite mußte die Besten unter den französischen Juden energischer wachrütteln als der Straßenlärm. Sie erkannten mit Beschämung die unreinliche Beimischung von naivem Eigennutz in der Heimatsliebe des französischen Juden, einem ubi bene ibi patria, das sich für Patriotismus hielt. Jetzt sahen sie erst, wie gewaltig der altjüdische Hunger nach Gerechtigkeit und jeder Rest prophetischer Größe aufzurufen war, um ohne Demütigung neben der Tat eines Picquart bestehen zu können. In Deutschland war eher Billigkeit zu lernen als ihre stärkere Schwester. Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person verträgt sich schwer mit jenem deutschen Individualismus, der gerade ein „Ansehen der Person" will, em Abwägen des Rechtes von der Person her. Das Unschätzbare, das wir Deutschland verdanken, Musik, Naturgefühl, Philosophie und eine Dichtung, ^ie sich aus jenen dreien nährt, war auf eine Minderzahl beschränkt. Ein Verzicht der französisch-jüdischen Elite auf diese Güter wäre unsägliche Verarmung. Aber für die jüdische Masse ist die Kulturfrage in Deutschland weit ernster als in Frankreich, weil wir so wenig ein Volk von Priestern sind als die Deutschen das der Dichter und Denker. Auffallendere körperliche Unterschiede und banale, aber tiefsitzende Instinkte halten beiderseits den Mittelschlag auseinander. Die Spaltung beginnt schon in den Trieben zu Speise und Trank. Deutsche Juden bringen sich z. B. fast mühelos zur Ab¬ Hefts. ■ 10