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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 146

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Assimilation in Frankreich
Date
1920-01-01
Page
146 (sequence 7)
Language
German
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146 Paul Amann: „Assimilation** in Frankreich stinenz, können sich also nicht im gleichen Sinne an der für Deutschland lebenswichtigen Antialkoholbewegung beteiligen. Wie bezeichnend ist in Österreich der Unterschied zwischen dem fast jüdischen Kaffeehause und dem „arischen" Bierhaus! Hingegen erholt sich der französische Provinzler ebenso im Cafe de la Prefecture bei seiner Manille wie unser jüdischer Spießbürger beim Tarok. Der Soziologie ist kein Symptom zu gering; Kultur ist Pflege der natürlichen Antriebe einer Gemeinschaft. Mit der deutschen Volksseele verglichen, hat die jüdische Mangel und Überfluß an Instinkten; der eine verrät sich als Einbuße an Persönlichkeit besonders in der geistigen Oberschicht (die Unfähigkeit zum Hei!, wie es Schnitzler formuliert hat), der andere bedingt das unschön „Jüdische" der naiveren Masse. Das ist nichts ursprünglich Häßliches, sondern verwildertes Gut. Witz, Spottlust, Verstandesschärfe, psychologische Beobachtungsgabe und mimische Beweglichkeit bekamen im deutschen Seelenbereiche kein Licht, blieben ungepflegte Schößlinge, dem Deutschen Spaß, Ärgernis und Erstaunen. (Was wäre aber Stromtid ohne Moses!). Witz, Spottlust, Beobachtungsgabe, Freude am scharf verständigen Wort und an sprechender Geste — all das ist auch französisch (Nuancen vorbehalten). Nicht umsonst sind wir ein Splitter, der der Mittelmeerrasse nahesteht, wie ein Großteil der Franzosen. In der Provence ist auch für unser Auge der Jude nicht immer kenntlich. Die weite Kluft, die aber doch zwischen französischem und jüdischem Wesen steht, scheint zäher Arbeit überbrückbar zu sein. Nicht als feige Assimilation ist diese Überbrückung zu wünschen, sondern als wichtiger Schritt jüdischer Volkserziehung, als mindestens lokale Aneignung jener natürlichen Höflichkeit des freien Menschen, die Selbstachtung und zarte Achtung des Nächsten ist. Inwiefern aus dieser Annäherung noch weit Größeres sich ergeben könnte, soll hier nicht ausgeführt werden. Vermag Frankreich aber auch nur bewußt jüdische Menschen zu erziehen, deren Tag schöne, sichere Bewegung ist, und die in großer Stunde allmenschlichen Nöten und Hoffnungen in selbstloser Leidenschaft sich hinzugeben bereit sind, so hat französische Luft und Erde viel getan, auch für uns. Fröstelnd unter der verdünnten Schicht ihrer Bewohner, greift diese Erde gierig nach Menschen von Geist und Willen, bindet sie mit engem Heimatsgefühl, das aber in größeren Stunden zur Idee der Menschheit wird, sich jüdischer Weltliebe nähert — aber eben darum seine Juden am Ufer der Rückströmung ihres Stammes kleingläubig zurückhält. Ich versuchte zu zeigen, daß dies kein absolutes Übel ist, schon wegen der geringen Zahl der französischen Juden. Frankreich kommt als Emigrationsland nicht in Betracht, hingegen kann sein schmaler jüdischer Volkssplitter durch eine Leistung formaler Art für das Ganze der Nation recht wichtig werden: durch ästhetische Kultur des Gemeinschaftslebens. Dies gilt für die ältern Einwanderer aus Deutschland. Die junge ostjüdische Kolonie, das hebräische Zentrum Paris bedeuten den Beginn neuer Entwicklung, tieferer Syntheser, weitergehender Möglichkeiten, die noch nicht zu überblicken sind.

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