Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Assimilation in Frankreich
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 144 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Paul Amann: Seine soziologische Wirkung ist in Frankreich einheitlicher als in Deutschland; die Franzosen haben seit jeher selbst ein starkes Interesse für Wort und Wortkunst: während also im unliterarischen Deutschland der Jude seinen Mitbürgern durch Versenkung in ihre Dichter zwar sachlich näher kommt, formell aber gerade durch dies viele Lesen, Bücherkaufen, von Büchern, namentlich neuen Büchern Reden, wieder eine Scheidewand zwischen sich und den andern aufrichtet, in deren Schatten er leicht zum Snob verkümmert, ist das französische Schrifttum und das Interesse dafür ein breiter, ebener Zugang zum Wesen der Nation. Funktionell wurde allerdings der deutschjüdische Literaturfex für Deutschlands Geistesleben ebenso nötig und wichtig, als er auffällt und undankbar bekrittelt wird. Von der großen Tagespresse bis zu den gediegensten Zeitschriften herrscht die jüdische Initiative vor; gewisse jüdische Schriftsteller sind trotz aller Anfeindung aus der deutschen Literatur nicht wegzudenken. Das blitzschnelle Verständnis der Juden für Goethes Größe läßt erraten, welche Einbuße an Entfaltung die mit jenem Gewaltigen mehr übersprungene als überwundene Rückständigkeit des deutschen Schrifttums für ein Volk bedeutet hat, das von soviel längerer Geistesarbeit geprägt war. Mit oft irrendem Eifer holen sie nach. Alles Neue findet ihren Schutz, ihre Hilfe, und Fontanes Spottwort: „Kommen Sie, Cohn!" trifft mit der schärferen Spitze nicht uns. Die großen französischen Zeitungen und Revuen sind nicht jüdisch, ebensowenig die Akademie; in der literarischen Produktion spielt das Judentum eine überraschend geringe Rolle (gegenwärtig scheint dieser Anteil zu wachsen). Es ist sicher der gesündere Zustand, ein natürlicher Anfang; die hypertrophische Machtstellung des deutschen Juden in der Literatur hingegen dient durchaus nicht der freien Entfaltung jüdischen Geistes, sondern mühseliger Verbindung des eigenbrödlerischen deutschen Wesens mit dem europäischen Gedanken. Die Musik bildet eine viel wesentlichere Verbindung zwischen Juden und Deutschen; denn die ist wirklich volkstümlich; aber auch Frankreichs vollkommenster Musiker, Bizet, ist Marannensprößling. In der Wissenschaft spielt der französische Jude eine ebenso ehrenvolle Rolle wie der deutsche, unbehindert durch die akademischen Schranken, vor denen deutsche Juden als ewige „Dozenten" ergrauen. Dieser freie Zugang zur offiziellen Wissenschaft und zur bestrickendsten Gesellschaft ist natürlich ebensoviel Gefahr fals Vorteil, zumal für die reizbare Eitelkeit des Golusjuden, die sich durch französische Eitelkeit verstärkt: siehe Fall Bergson oder Reinach, Ich will hier überhaupt nicht die Lage der französischen Juden als unschuldig-paradiesischen Zustand hinstellen; sie atmen leichtere Luft, geistigere Atmosphäre; sie stoßen «nicht auf so massive Gehässigkeit, sie wohnen nicht unter einem Volk, das ungern beobachtet; sie können gewiß sein, vor allem nach ihrem persönlichen Eindruck gewertet zu werden. Aber — aber vergaßen sie nicht oft, wie scharf die Blicke sind, die auf jedem einzelnen ruhen, wie fein die gesellige Durchbildung ist, von der sich ihre deutsch-jüdische