Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Assimilation in Frankreich
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 143 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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„Assimilation** in Frankreich 143 losigkeit, die Frankreichs größte Epochen geschaffen hat, greift unbefangen nach den lebendigen Energien, die durch unsern Bruch mit soviel Vergangenheit frei wurden. Wir erscheinen als Schicksalsgefährten und Weggenossen. Der jüdische Radikalismus hat Mühe, dem französischen nachzukommen. In Deutschland wissen wir gar nicht, wie leicht der Jude konservativ wird, wenn man ihn nicht reizt und demütigt. Es ist freilich nicht das Beste in ihm, das sich so zufrieden gibt Auch der Internationalismus der französischen Juden ist recht gemäßigt, da er von seinem Standpunkt aus Deutschland als politisch rückständig empfindet und die Annexion von 1871 für Tausende Juden eine gesellschaftliche Entrechtung bedeutet hat, der sie sich zum Teil durch Auswanderung ins innere Frankreich entzogen — wieder zugleich mit nichtjüdischen Optanten, also in einer weiteren sozialen Gruppe und in sympathischer Beleuchtung. Viele kleine Gemeinden in der Provinz entstanden erst durch diese neue Diaspora*). Ein deutscher Jude von tieferer Kultur wird der Revolution von 1789, die doch sein soziales Geburtsdatum bedeutet, entweder kühl gegenüberstehen oder mit den Besten seiner Umwelt und viel Gutem in sich selber uneins werden, wenn er die hohe Woge lieben will, die sein Ghetto zerbrochen hat. Der französische Jude darf hier aus tiefstem Herzen ja sagen und findet so im zeitlich nächsten Höhepunkt französischer Geschichte eine seelische Heimat. Er kann die Marseillaise ganz andern Atems mitsingen als deutsche Juden die Wacht am Rhein. Halb Frankreich ist voltairianisch und kann schon darum nicht recht judenfeindlich sein; während etwa der österreichische Antiklerikalismus („freie Schule") recht bedenklich auf der Synagoge entlaufene Verfechter beschränkt ist, könnte ein französischer Jude durch die taktlosesten Angriffe gegen den Katholizismus nicht eigentlich auffallen. Auch im Sozialismus spielt der französische Jude — außer etwa die neueingewanderten Ostjuden — eine minder hervorstechende Rolle als in Deutschland oder Österreich. Der jüdische Anteil am Journalismus ist auch in Frankreich groß, zu groß; aber gegen den seit Gallierzeiten „scharfsinnig redenden" Einheimischen kommt er nicht so leicht auf als gegen den wortkargen Norddeutschen oder gar den homo alpinus. Der typische Journalist und Politikaster ist der Südfranzose. Im „Numa Roumestan" hat Daudet den Juden Gambetta nur als Mann des Südens verspottet. Das alte Volk des Buches nahm in Frankreich wie in Deutschland empfangend und schaffend starken Anteil an der Literatur. Hüben wie drüben hat das viele Lesen der Juden und Jüdinnen auch einen praktisch sozialen Zweck: lesend „lernt" man das Leben und Wesen der andern, wie etwa im 13» oder 17. Jahrhundert allenthalben ritterliches Wesen aus französischen und spanischen Romanen gelernt wird. Aber vor «allem ist die Literatur- und Theaterfreudigkeit der Juden ein nicht zu brechender Instinkt. *) Die besondere Abwandlung jüdischer Problematik, die sich bei dieser ersten Berührung mit französischer Provinz ergab, hat ein Lothringer Jude, J*-R. Bloch, mit alzacscher Kraft episch behandelt; sein Roman wird demnächst auch deutsch erscheinen.