Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Assimilation in Frankreich
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 142 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Paul Amann: tum sofort wieder verwechselt, dem innerlich Ungleichartigsten zugesellt: dem Calvinismus. Man höre den Nationalisten Jules Lemaitre (der nun im Tode als Frankreichs größter Kritiker seit Sainte-Beuve erscheint): „In unserem französischen Vaterlande gibt es Gruppen, die zwar in allen Hauptsachen eingeschmolzen sind, aber doch etwas empfindlich und mißtrauisch blieben. Sie haben das Glück, sittlicher und im Verhältnis zu ihrer Zahl auch viel stärker zu sein als wir; aber trotz dieser Vorzugsstellung trauen sie uns nicht recht; sie sind eben Nachkommen Verfolgter. Ihre etwas reizbare Gemütsart straft an uns die Sünden unserer Vorfahren. Das geschieht uns ganz recht, obwohl wir unsererseits weder die Protestanten ausgetrieben, noch Israel niedergemetzelt haben/4 Es steckt Ironie in diesen Worten, aber ihr positiver Kern ist für uns jene Koppelung des Juden mit dem Protestanten. Sie ist den Franzosen ganz geläufig und wird besonders durch wirtschaftliche Ähnlichkeiten nahegelegt. Die Calvinisten sind fast durchaus wohlhabend und nehmen eine bevorzugte Stellung im Bankwesen und Großhandel ein. Überhaupt ist die Breite der französischen Geldbourgeoisie ein sozial günstiger Umstand. Gepflogenheiten, die in Deutschland als spezifisch jüdisch erscheinen — wie Vermittlungsheiraten —, sind im französischen Bürgertum alte Überlieferung (die Frosine im Avare ist ein richtiger Schadehen). Den Parvenü kennt das deutsche Witzblatt fast nur als jüdelnden Typ mit einer Hakennase. Frankreich aber hat den emporgekommenen Financier seit dem frühen 18. Jahrhundert literarisch festgelegt; wie am Balkan Griechen und Armenier als geriebenste Geldleute verrufen sind, so hatte die französische Tradition längst dem Auvergnaten und Normannen die Rollen des typischen Geizkragens und Schlaukopfs zugewiesen. Der Parvenü in des jüngern Dumas* Theaterstück „Geld" ist Nichtjude, und wenn auch Balzac jüdische Geschäftleute mit hartem Strich gezeichnet hat, so fehlt doch die Ausschließlichkeit des Vorwurfs, das soziale Brandmal. Versagen so in Frankreich alle Kategorien, mit denen Deutschlands volkstümlicher Judenhaß unser Wesen gröblich zu bestimmen sucht, ist dort der Jude weder schlechthin der Fremde, noch der Ungläubige, noch der Geldmensch und Protz schlechthin, so ist dafür dem durch lange Übung verfeinerten Blick des Franzosen, seiner Künstlerlüst im Erfassen menschlicher Wirklichkeiten die gesellschaftliche Erscheinung seiner Juden in jedem Zug, in jeder Schattierung willkommene Beute. Die Schärfe, mit der das Ergebnis solch helläugiger Forschung ausgesprochen wird, muß doch nicht verletzen (oder verletzt nur die deutsche Scheu vor dem Beobachtetwerden in uns), da ja auch alle andern Teile des französischen Volkskörpers ebenso rücksichtslos zergliedert werden. Um so erfreulicher ist es, wenn diese geschultesten Beobachter jeden seelischen Ranges, von Dumas und Donnay bis zu Romain Rolland, im jüdischen Volke vor allem ungeheure Kräfte erkennen. Überschätzen sie diese Kräfte, ist es der wohltätigste Irrtum. Aber vielleicht sehen sie klarer, wer wir heute sind, als wir selbst mit unseren historischen Reminiszenzen. Die produktive Pietät-