Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Assimilation in Frankreich
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 141 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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„Assimilation" in Frankreich 141 voll geldbedürftiger Kleinfürsten, wurde mit seinen Juden nicht fertig, trotzdem es so viele Tausende vom Rhein nach Polen gejagt hat, daß dort eine uneheliche Tochtersprache des Deutschen entstand. Die Judenschaft in Deutschland-konnte nicht leben noch sterben, wie so vieles dort auf sozialem und politischem Gebiete, wie die Reichsidee selber, wie heute der Feudalismus. Das Dasein der Aschkenasi als Funktion deutscher Zersplitterung, deutscher Abneigung gegen radikale Lösungen, ein Überlebsei unter vielen im seltsamen Lande, wo nichts von selber endet; Deutschland als Eiskeller des Judentums, der bis zur Aufklärungszeit eine Kümmerform konservierte . . . Frankreichs fanatischer Einheitsdrang ist mit seinen Juden verfahren wie mit Albigensern und Hugenotten. Als es sich aber, geklärten Geistes, zur Revolutionszeit wieder jüdischer Bevölkerung gegenüber sah, hat seine plastische Energie — gegen den Protest deutscher Elsässer — sofort ihre Einverleibung versucht. Und dieser Gestaltungskraft bot sich der spröde Stoff plötzlich bildsam dar. In Frankreich bedurfte es zur Erkenntnis der Volks¬ und Landesfremdheit fast aller Juden keiner gehässig oder wählerisch tiftelnden Theorie, die ein Jahrtausend Luft und Himmel mit trockenen Worten wegwischen will; aber gerade diese offenbare Fremdheit hat die gesunde Eingliederung ins französische Volk erleichtert, jüdischen Stolz und Lebenswillen geschont, ja neu belebt. Die materielle Notwendigkeit einer Anpassung leuchtete ohne weiteres ein, da doch sogar die Sprache erst zu erlernen war. Die große Formbestimmtheit des französischen Wesens und sein werbender Reiz erhöhten seine „Erlernbarkeit". Jene plastische Vordergrundsituation des Fremden, der sich einer neuen Heimat anpaßt, die auch sonst in aller Welt nachgeahmt wird, verschleierte den Einwanderern Wesensgegensätze, ließ Verschiedenheiten als zufällig erscheinen, die vielleicht notwendig waren: die günstigste Bedingung, jede erreichbare Assimilation zu verwirklichen. Selbst die Formen der Abneigung, an d€r es hier nicht fehlte, waren dem Einwachsen eher förderlich. In dieser Raubtierwelt ist es schon Schicksalsgunst, sich als Fremder nicht in seinen besondern Wesenszügen gehaßt zu fühlen, sondern innerhalb einer größern Klasse; einer Unfreundlichkeit zu begegnen, die sich halbwegs in der Adresse irrt, sich an Nebensachen hält. Der rheinische Jude gilt seinen französischen Widersachern als Spielart des Deutschen, des Prussien, des Bavarois, auch wenn er Elsässer ist. Sinnfälliger als seine jüdischen Gutturalen sind dem französischen Ohre die Sprechfehler, die der Jude mit dem Deutschen gemein hat, pien für bien, fous für vous usw. Selbst das geschäftlich Rührige der Juden wird einer deutschen Schule der Gerissenheit zugeschrieben. Noch kurz vor dem Kriege hat der gar nicht judenfreundliche Denys Cochin diesen Gedanken mit Nachdruck ausgesprochen. Die jüdische Religion stört den Franzosen wieder mehr in negativen, unwesentlichen Bezügen: als Religion schlechthin, soweit der Franzose antiklerikal, als Andersgläubigkeit und gesellschaftliche Sonderbündelei, soweit der Franzose vom Einheitswahn besessen ist. Aber auch darin wird das Juden-