Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Assimilation in Frankreich
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 140 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Paul Amann: PAUL AMANN / „ASSIMILATION" IN FRANKREICH Ein äußerster Fall von Verranntheit, die Stellungnahme einiger jüdischen Gelehrten in Frankreich gegen die Palästinapolitik der Mächte, stößt uns hart an ein Problem: das robuste Gewissen dieser französischen Assimilanten, die naive Überzeugtheit ihres gallischen Patriotismus; woraus sich die weitere Frage erhebt, ob nicht gerade in solch leidenschaftlicher Abkehr von jüdischen Volkszielen jüdische Kräfte wirksam sind, die eine verlockende Abart des Golus zu binden verstand. Die soziologische Besonderheit unserer Brüder in Frankreich ist das Ergebnis eines übersehbaren geschichtlichen Experiments, das uns zeitlich noch recht nahe liegt. Wer von französischem Judentum redet, meint, der Hauptmasse nach, Schößlinge ober- und niederrheinischen Judentums auf französischem Boden, besonders in Paris. Börne aus Frankfurt, Heine aus Düsseldorf, Offenbach, der, wie die Worms und Spire, seine Herkunft schon im Namen verrät, sind bekannte und etwas späte Fälle, Man darf also bei den Nachkommen dieser Einwanderer keine tiefe Wesensverschiedenheit gegenüber deutschen Juden erwarten. Die aber doch recht auffallende Besonderheit ihrer sozialen Erscheinung ist einer Oberflächenreibung und -Schleifung in neuer Strichlage zuzuschreiben, bei der manches verwischt wird, was nur Anpassung an Deutschland war, und andererseits manche echt jüdische Strukturzüge deutlicher werden als bei uns. Läßt man unsere Ära gar erst mit der Emanzipation beginnen, rückt das französische Judentum dann sogar in die Rolle des Erstgebornen, der die Last des neuen Lebens am längsten trägt. Das jüdische Volkstum erscheint in Frankreich dem ersten Blick aus der Ferne verblaßter als das unsere; in Wahrheit aber griff dort eine materiell weitergehende Assimilation weniger hart an die jüdische Seele, weil sie mehr selbstverständliche, tätige Anpassung war, denn verschüchterte Entjudung als Selbstzweck. Der Genius der klaren Linie, der alle sozialen Formen Frankreichs bestimmt, hat gleich die Grundtatsache unseres heutigen Volksdaseins dort noch einmal scharf umrissen: das Golus, die Fremdheit. In Deutschland räumen wir aus Trotz und Stolz vielleicht zuviel ein, wenn wir selber sagen: Ja, Fremde sind wir unter euch — da doch die Vorfahren ostelbischer Antisemiten noch hundert Jahre wendisch redeten, als unsere Väter an Rhein, Main und Mosel deutsch sprachen, Osterwein aus deutscher Rebe tranken, wenn man sie nicht gerade auf Scheiterhaufen aus deutschen Wäldern stieß. Versuchen wir, diese Verfolgungen ohne Wehleidigkeit zu betrachten. In unserem Lande hatten Amalek und Ammon auch kein leichtes Leben neben Israel. Ums Jahr iooo hat, nach Taine, jeder Franzose nur zwei Wünsche: einen Pelzrock zu besitzen und nicht erschlagen zu werden. Altfrankreich hat seine hochstehenden Juden (deren Spuren wir u. a. in Boccaccios vierter Novelle finden) vernichtet oder ausgetrieben. Das zersplitterte Deutschland,