Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 3 · p. 138

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 3
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
138 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101167-3105336--3946-3105365
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

138 Arnold Zweig: Daher die Redensart, daß es „anständige Juden gebe", die von der Verantwortlichkeit für das jüdische Wesen befreit werden müßten, womit sich prinzipielle Antisemiten von der Verpflichtung befreien, dieses jüdische Wesen genauer und unbefangen zu ergründen. Daß diese Verpflichtung nicht gespürt wird, auch den als „guten Fall" empfundenen Einzelnen auf sein Typisches hin zu erleben, ist ein weiterer Hinweis auf den Charakter dieses Differenzaffekts nationaler Art; denn sehr naiv wird der eigene Volkscharakter stets am „besten Fall" orientiert. Aber den Blick geschärft durch dies Bemerken des „anständigen Juden", sieht der Antisemit nun auch am typischen Juden gewisse Tugenden, die auch er als Tugenden wertet: volkhafte Verbundenheit der einzelnen Juden in der Fremde, Familiengefühl, Sinn für Reinhaltung des Blutes, erotische Disziplin, Mäßigkeit vor Alkohol, heute auch geschäftliche Tüchtigkeit — ohne daß der Antisemitismus in ihm dadurch geschwächt wird, ja, so daß er dadurch die Gefährlichkeit der Juden für sein Volk verstärkt empfindet. Umgekehrt tritt gelegentlich folgender Fall auf: ein Antisemit A lernt einen Menschen M kennen, er findet Gefallen an ihm, er lernt ihn schätzen, eine gewisse Wärme der Beziehung stellt sich ein; gelegentlich erfährt er, daß M Jude ist (eine Jüdin geheiratet hat, mit Juden eng befreundet ist und, vor die Wahl gestellt, diese Freundschaft keinesfalls zu lösen gedenkt): und von diesem Moment an verdunkeln sich die an M gewahrten Werte, sie erlöschen, Kälte, Abneigung, gesteigerter Antisemitismus ist die Folge. Zu einem Kampfe zwischen persönlicher Erfahrung und antisemitischer Grundstimmung kommt es erst, wenn zwischen A und M vor der Enthüllung nicht Schätzung und Zuneigung, sondern Freundschaft und Liebe entstanden waren: echte Freundschaft und echte Liebe, Akte, in denen eine Person die andere in der ganzen Fülle ihrer Werte erfaßt, überwinden den Antisemitismus des Liebenden, zunächst für diesen Fall, der als eine jener „Ausnahmen" empfunden werden kann, die sich vor der verwerfenden Grundhaltung um so heller abheben — und dies um so eher, wenn M eine Frau ist, die innerlich zum Volke des Mannes übertritt und sich aus dem Zusammenhang mit ihrem jüdischen Volke scheidet. Nur wenn sie diesen innerlichen Schritt zu ihm hin nicht tut, wenn sie darauf besteht, als Jüdin seine Gefährtin zu werden und als seine Gefährtin Jüdin zu bleiben, stolz auf die Zugehörigkeit zu ihrem erhabenen Volke, kann es geschehen, daß die Liebe den Antisemiten sehen lehrt und, besonders bei einem bedeutenden-Menschen, der es mit allen persönlichsten Angelegenheiten streng, gründlich und reinlich nimmt, plötzlich an dem Volke, das diesen geliebten Menschen hervorbrachte, Werte über Werte aufleuchten, die den verwerfenden Blick belehren und die verneinende Grundstimmung zur Bejahung umkehren — nicht zwar notwendig zur Bejahung seiner augenblicklichen empirischen Seinsart, aber unbedingt zurBejahung jenes metaphysischenVolkscharakters, der durch dieZeiten und in den genialen Einzelnen leuchtet und von dem sich um so verwerflicher der empirische Charakter der augenblicklichen Masse abheben kann

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.